Meinung
Kommentar

Das Desaster des NDR im TV-Duell

Der ungeheuerliche Vorwurf „Ver.di-Schlampe“ war der Tiefpunkt des Duells der Spitzenkandidaten für Schleswig-Holstein

Andy Warhol sagte einst, in Zukunft werde jeder 15 Minuten berühmt sein. Diese These belegte am Dienstagabend das Duell der Spitzenkandidaten, als die Zuschauerin Gabriele Schwohn einen denkwürdigen Auftritt hinlegte. Und damit unfreiwillig bewies, warum man diese „Wahlarena“ nicht mehr sehen möchte.

Einst war das Aufeinandertreffen der Spitzenkandidaten im TV, moderiert von Journalisten, ein Höhepunkt im Wahlkampf; die Wahlarena am Dienstag aber ist zu einem unwürdigen Polit-Zirkus verkommen. Das „Townhall-Format“ hat NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz, der viele Duelle in der Vergangenheit souverän geleitet hatte, zum Zirkusdirektor degradiert. Und einen Schlagabtausch, der von seiner fast wissenschaftlich austarierten Fairness lebte, zu einem Fest der Claqueure und Büchsenspanner verlottern lassen. So sollte die Zuschauerin Schwohn in der Live-Sendung eine Frage zu Flüchtlingen stellen – stattdessen warf sie dem Spitzenkandidaten Daniel Günther vor, sie im Landtag eine „Ver.di-Schlampe“ genannt zu haben. Das könne sie belegen. Eine Dampframme gegen den CDU-Herausforderer, die Günther alt aussehen ließ. Nur: Die Belege blieb Schwohn schuldig. Belegt ist nur, dass die vermeintliche Zuschauerin im SPD-Kreisvorstand Schleswig-Flensburg sitzt.

Das macht es für alle zum Desaster: Für den NDR, der diese Arena als Live-Format ersonnen hat, für Daniel Günther, der offenbar zu Unrecht beschuldigt wurde, und für die SPD, die nun für den Übereifer eines Mitglieds haftbar gemacht wird. Das alles wäre zu vermeiden gewesen, hätten Journalisten die Themen im Duell definiert, die Fragen gestellt und kritisch nachgehakt. So nett die Idee der Arena mit Wählerfragen auch sein mag, oft bringen Profis mehr Erkenntnisgewinn. Man lässt sich ja auch von einem Arzt beraten und behandeln statt von Amateuren in Medizinforen oder von Dr. Google.

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