Meinung
Jungs Zeitgeist

Gelingt mit Rheuma noch der Schulterblick?

Nein, eine generelle Altersgrenze für Autofahrer sollte es nicht geben. Aber trotzdem müssen wir reden.

Das Thema betrifft Millionen Menschen, ist aber in vielen Familien geradezu ein Tabu: Sollte es eine Altersbegrenzung fürs Fahren geben? Sollte Opa nicht mal langsam seinen Führerschein abgeben? Kürzlich sah ich im MDR die sehr informative Sendung „Schwer zu bremsen: Senioren am Steuer“, und ich gebe zu: Ein paarmal musste ich schlucken. Es war wie ein Blick in die eigene Zukunft.

Ich liebe Autofahren. In meiner Studentenzeit haben wir uns krummgelegt, um den Führerschein bezahlen zu können. Mutters abgelegter Polo bedeutete: Man war bis in die Nacht unabhängig von Bus- und Bahnfahrplänen, konnte mit Gepäckträger sogar Möbel transportieren und mit Freunden einfach mal in die Pyrenäen reisen. Das prägt.

Nur zeigt sich die Überalterung der Gesellschaft heute auch auf der Straße. Zum Beispiel setzten sich vor 30 Jahren nur drei Prozent der 80- bis 85-Jährigen noch selbst ans Steuer, heute sind es 38 Prozent. Leider geht es ab 75 los mit der erhöhten Unfallgefahr. Bisher galten vor allem junge Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren als Risikogruppe, aber allmählich lösen die ganz alten sie ab. Zwar sind Menschen ab 75 generell seltener als Pkw-Fahrer unterwegs und verursachen daher in absoluten Zahlen weniger Unfälle (15.700) als junge Pkw-Fahrer (41.300 Unfälle), so das Statistische Bundesamt in seiner letzten Jahresstatistik. Aber prozentual gesehen holen sie gewaltig auf. Bei den Verursachern von Verkehrsunfällen sind junge Erwachsene bis 25 Jahre mit 65 Prozent vertreten, die 65- bis 74-Jährigen mit 61 Prozent, die Generation 75 plus aber schon mit 75 Prozent – mit Abstand der höchste Wert aller Altersgruppen. In Hamburg kam es 2016 zu 11.227 Unfällen mit jungen Erwachsenen, die zu 60 Prozent dabei Hauptverursacher waren; demgegenüber gab es 12.096 Unfälle mit Senioren über 65 – sie waren zu 61,2 Prozent auch die Unfallverursacher.

Woran liegt’s? Auch mein Vater holte noch mit 83 in seinem alten Audi 80 B3 (scheckheftgepflegt!) regelmäßig die Sonntagszeitungen vom Kiosk, allerdings so langsam, dass meine Mutter oft ketzerisch fragte: „Willst du nicht mal den zweiten Gang einlegen?“ Senioren rasen nicht, aber sie haben „Probleme mit komplexen Verkehrssituationen oder verwechseln Gas und Bremse“, sagt Ulf Schröder, Leiter der Hamburger Verkehrsdirektion. Alte Menschen sehen schlechter, reagieren langsamer, brauchen in fremder Umgebung mehr Zeit zum Orientieren. Schulterblick mit Rheuma? Wird schwierig.

Das Problem: Viele Ältere merken nicht oder verdrängen, dass sie ein Risiko für andere geworden sind. In der MDR-Sendung „Fakt ist“ machte ein alter Herr ein Training auf nassem Übungsplatz. Er hörte einfach nicht auf die Anweisungen des Trainers, machte Fehler, gab sich aber selbstsicher („Ich fahr seit 40 Jahren!“). Meine Mutter kachelte in ihrem Scirocco oft wie im Kajütboot über die Landstraßen, bis ihr irgendwann jemand beim Linksabbiegen ins Heck fuhr. Weil sie ihm die Vorfahrt genommen hatte, wie Zeugen sagten. Sie behauptete: „Da kam aber keiner.“ Es ist schwer zuzugeben, dass die Leitungen eingerostet sind. Selbsterkenntnis ist die schwerste Übung von allen, übrigens auch für Jüngere.

Meine Eltern waren im Speckgürtel allerdings auf das Auto angewiesen. Wie soll man sonst zum Einkaufen oder zum Arzt kommen, wenn der Bus nur zweimal am Tag fährt? Und schließlich will man noch mal ins Theater oder Freunde besuchen. Im Alter nimmt der Wunsch nach Selbstbestimmung eher zu als ab.

Deshalb fände ich eine generelle Altersbeschränkung herzlos. Verbindliche Fahrtests hält der ADAC für sinnlos, weil sie „nur eine Momentaufnahme“ zeigen. Wie machen es andere Länder? In Norwegen, Schweden und den Niederlanden ist ab 70 Jahren ein Gesundheitscheck Pflicht, in Slowenien ab 80. Italien verlängert die Fahrerlaubnis ab 50 nur nach einer ärztlichen Untersuchung auf je fünf Jahre, ab dem 70. Lebensjahr auf je zwei Jahre.

Bevor wir über Verbote oder Alters-beschränkungen nachdenken: Wie wär’s denn mit Sammeltaxi-Diensten und anderen Hilfen? Oder wollen wir alte Leute in Scharen auf die Fahrräder jagen? Besser nicht.