Meinung
Kolumne

Thorsten Albig und die „Bunte“-Seite der Politik

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Matthias Iken

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig inszeniert sich in der Illustrierten – ob das eine gute Idee war?

Wenn ein Politiker seine Karriere gefährden will, ist die „Bunte“ immer eine prima Adresse. Auf dem Cover der Illus­trierten für Stars, Sternchen und Irrlichter ging einst sogar ein Bundesverteidigungsminister baden. Im August 2001, als deutsche Soldaten kurz vor dem Einsatz auf dem Balkan standen, ließ sich der liebestolle Sozialdemokrat Rudolf Scharping mit seiner Gräfin Pilati in einem Pool auf Mallorca ablichten. „Tolle Geschichte, großartige Bilder“, habe der Politiker ihm vor der Drucklegung versichert, schrieb der Reporter Paul Sahner später in seiner Autobiografie.

Wie man sich irren kann, wie sehr Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung voneinander abweichen. Die „großartigen Bilder“ waren der größte anzunehmende Unfall für das Image eines seriösen Politikers. Scharping, der eigentlich schon am 11. September 2001 hätte fliegen sollen, durfte nach den Terroranschlägen in New York und Washington als „Bin Baden“ noch bis 2002 auf der Hardthöhe bleiben; dann schickte ihn Kanzler Gerhard Schröder doch in die Wüste.

Die sogenannte Mallorca-Affäre aber hat das Interesse so mancher Politiker an den Hochglanzpostillen nicht nachhaltig beeinträchtigt. Wo werden die Fotos so hübsch ausgeleuchtet? Wo sind die Texte so säuselnd und liebedienerisch? Wo gerät die Aufmachung so freundlich? In Nachrichtenmagazinen oder Zeitungen jedenfalls nicht. Und hatte nicht die Frauenbewegung einst gepredigt: „Das Private ist politisch.“

Da wurde auch Christoph Ahlhaus schwach, als die „Bunte“ freundlich anfragte. Politisch lief es für den frisch gewählten Hamburger Bürgermeister eines schwarz-grünen Senats im November 2010 eher „unrund“, da sollte die Illustrierte den Politiker in ein anderes Licht setzen, seine menschliche Seite ausleuchten. Ausgerechnet vor dem Kamin des Hotels Vier Jahreszeiten ließ sich das „Power-Paar von der Elbe“ feiern. Das wirkte auf viele Hanseaten, die mit einem Bundeskanzler in einer Doppelhaushälfte in Langenhorn aufgewachsen waren, wie ein Fürsten­gemälde aus dem Rokoko.

Bilder können viele Geschichten erzählen. Die grünen Koalitionspartner lasen sie anders, als der Bürgermeister sie erzählen wollte. Es dauerte nicht lange, da war erst Schwarz-Grün und dann der Bürgermeister Geschichte.

Wie verzweifelt die FDP sich als außerparlamentarische Opposition gefühlt hat, wurde im Februar 2015 in der „Gala“ überdeutlich. Dazu bedurfte es weder eines kritischen Kommentars noch einer investigativen Recherche, sondern nur eines achtstündigen Fotoshootings. „Drei Engel für Christian (Lindner)“ in Hochglanz – mittenmang dabei die Hamburger­ FDP-Politikerin Katja Suding­. Ob es Stimmen gebracht hat, darf bezweifelt werden. Hohn und Spott gab es reichlich.

Da darf man heute die Frage stellen, wer oder was den Kieler Ministerpräsidenten Torsten Albig (SPD) geritten hat, ausgerechnet der „Bunten“ ein großes Interview zu geben – im Umfeld von Ernst August von Hannover und Claudia Effenberg. Da kündigte Albig an, seine Lebensgefährtin Bärbel Boy heiraten zu wollen und mit seiner Noch-Ehefrau nun „gemeinschaftlich die Scheidung“ an­zugehen. Buntes Journalisten-Gegurre („Dass sie wunderbar zusammenpassen, haben sich die Frischverliebten gerade erst wieder bewiesen“) trifft auf Patchwork-Seligkeit.

Damit nicht genug, der Ministerpräsident ist in Plauderlaune. „Ich habe fünf Kilo abgenommen“, verrät er der knallhart fragenden Society-Frau. Er habe mit seiner Lebensgefährtin zehn Tage Heilfasten gemacht, „nur Brühe, verdünnte Säfte und Tee“. Man darf bezweifeln, dass diese brühwarmen Neuigkeiten – flankiert von netten Fotos ausgerechnet in ihrer Kieler Lieblingskonditorei – die Wähler fesseln.

Die Popularität der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gründet auch darauf, dass sie in ihrer nüchternen Art das Gegenmodell zu Glanz, Gloria und Glamour lebt. Legendär sind die Bilder von der Supermarktkasse. Und was hat Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) einst versprochen und stets gehalten? „Homestorys wird es mit mir nicht geben.“

Der Herausforderer von Torsten Albig, CDU-Spitzenkandidat Daniel Günther, lässt sich übrigens nicht einmal mit Fotos seiner Gattin und der Tochter auf seinem Schreibtisch ablichten.

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