Meinung
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Können wir Silicon Valley nachbauen?

Wie Google & Co. ihre digitalen Spinnennetze um die Welt werfen, und wie Deutschland darauf reagieren sollte

Warum hat die digitale Transformation ihren Ausgangspunkt ausgerechnet vom kalifornischen Silicon Valley aus genommen, und warum beherrschen ihre Akteure heute die digitale Welt? Wie konnte sich aus kalifornischen Computerfreaks, Querdenkern und Weltverbesserern eine informationstechnische Macht entwickeln, die dabei ist, große Teile der globalen Ökonomie zu beherrschen?

Die allgemeine Bewunderung für Tüftler wie Bill Gates, Steve Jobs, Sergey Brin, Larry Page oder Mark Zuckerberg ist riesengroß. Sie tummelten sich einmal zwischen Garage und Universität und sind heute nah dran, die Herrscher einer „neuen“ Ökonomie zu werden. Sie sind Leitbild für die jüngere Generation, aber auch Politiker sind vom Mythos Silicon Valley fasziniert. Sie grübeln, wie sie dieses Innovationsmilieu kopieren können.

Die Geschichte des Silicon Valley beginnt nicht mit den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern in den 30er-Jahren mit dem „Stanford Indus­trial Park“. Nach erfolgreichen Projekten, vor allem durch William Hewlett und David Packard im Jahr 1938, gründeten die Rüstungsindustrie und das amerikanische Verteidigungsministerium im Silicon Valley Forschungszen­tren. Im Laufe der Jahrzehnte wurde daraus eine Pentagon-Außenstelle, angetrieben durch den Vietnamkrieg, u. a. mit Lockheed, Nasa-Research und dem Moffett-Airfield. Ihren Namen erhielt die Region ursprünglich durch die Herstellung von Transistoren auf Basis des Halbleiters Silizium durch William Shock­ley und die Firma Lockheed.

Um den Kern der Universität Stanford und ihrer Labs gründeten sich seit den 60er-Jahren Forschungsstellen wie der berühmte XeroxParc. Der kreative Denker Douglas C. Engelbart hielt bereits 1968 im Stanford Research Center einen legendären Vortrag, in welchem er seine Zuhörer mit Ideen zur PC-Maus, zu grafischen Oberflächen, zur Schlüsselwortsuche und zu Wikis begeisterte. Konzepte, die erst Jahre später im Silicon Valley realisiert wurden.

Nach Auffassung des Stanford-Historikers Fred Turner fußt die Digitalisierung des Silicon Valley, auch mit all ihren negativen Folgen, auf Vorstellungen der Friedensbewegung, der Kommunen, der Hippie- und Drogen-Szene, die in den 60er-Jahren in Kalifornien aufkamen. Ein Teil der „Blumenkinder“ bekam Interesse, Computer zu entwickeln und für den Aufbau einer alternativen Gesellschaft zu nutzen. Die Abschaffung des Kapitalismus trat bei den zu Techno-Yuppies gewordenen Hippies jedoch bald zugunsten der Entwicklung und Vermarktung von Personal Computern in den Hintergrund. Das war eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Microsoft, Apple & Co.

Das Potenzial der damaligen Technikfreaks war für Militärs, IT-Unternehmen und bald auch für Investmentfonds und anlagesuchende Millionäre hoch attraktiv. So konnte ein Schmelztiegel aus Talenten, Dollar-Milliarden und Internetgiganten entstehen. Heute residieren dort die globalen Internetkonzerne und bestimmen von diesem Tal aus den Lauf der digitalen Transformation. Sie haben eine große Routine darin entwickelt, jedes innovative Start-up-Pflänzchen mit ihren Dollar-Milliarden in ihre blühenden Gärten umzutopfen.

Google, Facebook & Co. haben global viele Bereiche mit ihren „digitalen Spinnennetzen“ unterschiedlichster Firmen besetzt. Die Schlussfolgerung für Deutschland sollte sein, dass sich Start-ups, mittelständische Firmen und Weltmarktführer auf ihre traditionellen Stärken in Zukunftsfeldern wie Maschinenbau und Industrie 4.0, autonome Automobile, Medizintechnik, Pharma sowie Logistiksysteme konzentrieren.

Ein Beispiel mit Vorbildcharakter ist der „Jahrhundert-Tanker“ Siemens, der „kreative Start-up-Beiboote“ unter Vertrag nimmt und ihnen Freiheiten jenseits hierarchischer Zwänge gibt. An den Schulen und Hochschulen sind Querdenker zu fördern, die in der Lage sind, technische mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Kompetenzen zu verknüpfen, damit sie die gesellschaftlichen Wechselwirkungen der Digitalisierung mitdenken. Und Europas Politiker sollten nicht akzeptieren, dass die kalifornischen Internetkonzerne uns ihre Werte einfach überstülpen können.