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Heute würde Faust Fahrrad fahren

Der Rummel ums Rad hat alle Parteien erfasst – aber fährt die Hansestadt wirklich voran?

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/Durch des Frühlings holden, belebenden Blick ...

Eines der bekanntesten Gedichte deutscher Sprache würde heute anders verfasst. Der Osterspaziergang aus Goethes „Faust“, er käme heute vermutlich als Fahrradtour daher. Aus dem Vehikel der Weltverbesserer ist ein massentaugliches Verkehrsmittel geworden, ein Statement, Statussymbol und Politikum zugleich. Das Fahrrad ist die Eier legende Wollmilchsau der Verkehrspolitik – Pedalritter leben gesünder, halten die Luft rein, retten das Klima, schonen die Ohren und beanspruchen weniger Platz als Autos. Die Lobeshymnen erklingen laut und überall – selbst bei denen, die einstmals alle Radfahrer für Asphalt­anarchisten hielten; sogar Magazine mit Hunderttausender-Auflage setzen neben „Rückenschmerzen“ und „Frauen im Islam“ nun „E-Bikes“ auf den Titel. Eigentlich Grund genug, skeptisch zu werden. Aber nicht immer irrt der Mainstream. Es gibt keinen überzeugenden Grund gegen eine Radverkehrspolitik.

Ambitioniert wird das Stiefkind der Verkehrspolitik früherer Jahre plötzlich wie ein Liebling behandelt. Hamburg soll Fahrradstadt werden – in dem dritten Senat, an dem die Grünen beteiligt sind. Der „Fortschrittsbericht zur Radverkehrsstrategie“, den die Stadt nun alle zwei Jahre herausgibt, verdiente 2015 erstmals seinen Namen. Wurden 2009 erst 10,6 Kilometer Radwege in der Hansestadt ausgebaut oder instand gesetzt, waren es 2014 mit 23,5 Kilometern schon doppelt so viel. Der Bürgermeister, der in seiner Regierungserklärung 2011 das Wort Fahrrad nur einmal am Rande gestreift hatte, fährt heute demonstrativ voran. Das Veloroutennetz mit 14 Strecken, das schon in den 1990er-Jahren erdacht wurde, verdient erst jetzt, 20 Jahre später, seinen Namen. Sie sollen Adern gleich die Wohngebiete mit der Innenstadt verbinden und über ruhige Straßen gen Zentrum führen. Die Idee war schon immer gut, aber lange fehlten Mittel und Wille zur Umsetzung.

Man begnügte sich mit weißen Hinweisschildern, die unmotiviert in die Landschaft gepflanzt wurden; heute knüpfen die Routen ein Netz. Allerdings wäre es zu einfach, die Defizite nur bei der Politik zu suchen: Viele der um die Jahrtausendwende aufgestellten Schilder haben Idioten beschmiert, beklebt oder ganz gestohlen.

Erfahrbar im besten Wortsinn wird der Wandel auf dem Elberadweg. Der beliebte Fernradweg führte in Hamburg lange Zeit ausgerechnet über die Amsinckstraße – das war kein Radweg für Reisende, sondern Mobbing. Nun radeln alle entspannt direkt am Billehafen und Großmarkt vorbei, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Nur der Süden wirkt noch ein wenig abgehängt – wer sich etwa über die Route 10 von Harburg in die Innenstadt durchkämpft, benötigt pfadfinderische Fähigkeiten, einen Stadtplan und Argusaugen – die weißen Hinweisschilder heben sich kaum ab und sind mitunter an seltsamen Stellen aufgestellt; größere Teile an Hauptverkehrsstraßen machen den Radler zwangsläufig zum Bleifresser.

Aber der Trend ist unverkennbar – immer mehr Hamburger steigen aufs Rad. Bis 1970 ging der Zweiradverkehr immer weiter zurück, erst danach maßen die Fahrradpegel wieder Zunahmen. In den vergangenen Jahren hat sich das Wachstum rasant beschleunigt. Allein das rote Stadtrad hat zwischen 2009 und 2016 eine Verzehnfachung der Touren gemessen.

Dieses Wachstum fordert auch den Radfahrern einiges ab – die Zeiten der Zweirad-Intifada sind vorbei. Wo es keine Wege gab, galten scheinbar keine Gesetze. Jahre der Benachteiligung haben einen Hang zur Anarchie auf zwei Rädern und eine gewisse moralische Überlegenheit befördert, die sich ihre eigenen Verkehrsregeln erschaffen hat. Schilder waren nur zum Anschließen da und Ampeln nur für Autofahrer; Fußgänger galten als Freiwild, das man mit der Klingel vor sich herjagte. Kürzlich begegnete ich einem Rad-Rambo, der gegen die Einbahnstraße auf der falschen Seite des Weges telefonierend ohne Licht fuhr. Für freihändig hatte es wohl nicht mehr gereicht ...

Eine Radverkehrsstadt aber benötigt Menschen, die sich an allgemein­gültige Regeln halten. Faust würde sagen: Das also war des Pudels Kern.