Meinung
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Vorteil Leichte Sprache

4. April: Leitartikel „Der Binde-Strich-Un-Sinn“ und „Wahlbriefe: ,Gut gemeint – schlecht gemacht‘“


Ich bin Pastorin Systa Ehm, seit 17 Jahren Gehörlosenseelsorgerin in Hamburg und seit 2010 Mitglied in der Projektleitung „Kirchentag Barrierefrei“ des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Täglich habe ich mit Menschen zu tun, die Leichte Sprache benötigen.

Ich begrüße den Schritt des Schleswig-Holsteiner Landtages. In der Geschäftsstelle des Landeswahlleiters sind kluge Leute am Werk, die verstanden haben, dass Menschen, die angewiesen sind auf Leichte Sprache, in gleicher Weise wahlberechtigt sind und Anspruch auf die gleichen Informationen haben wie ein belesener Bürger. Mit einer Wahlbenachrichtigung in Leichter Sprache werden diese Menschen gestärkt, ihre Bürgerrechte wahrzunehmen. Auch die mutige Entscheidung der Landeswahlleitung, an alle Wahlberechtigten Benachrichtigungen in Leichter Sprache zu verschicken, verdient meine Anerkennung.

So wird das Thema Leichte Sprache aus der Nische in die Öffentlichkeit gerückt, wo es auch hingehört. Denn wenn es darum geht, Teilhabe zu gestalten, dann ist das ein gesamtgesellschaftliches Thema, kein Thema nur für Fachleute oder Verbände von Betroffenen.

Die Gründe, warum Menschen Leichte Sprache brauchen, sind vielfältig. In Ihrem Artikel nennen Sie Lernbehinderung und Leseschwierigkeiten. Unter denen, die von Leichter Sprache einen Nutzen haben, sind aber auch Menschen mit Deutsch als Fremdsprache, wie z. B. gehörlose Menschen, deren Muttersprache Gebärdensprache ist und von denen viele (nicht alle) als Folge ihrer Taubheit einen erschwerten Zugang zur Schriftsprache haben.

In der Öffentlichkeit weiß man inzwischen viel über Legasthenie, das hat dazu beigetragen, viele Vorurteile abzubauen. Über die Verwendung von Leichter Sprache ist der Öffentlichkeit nicht so viel bekannt. Genau hier gilt es anzusetzen, Missverständnisse auszuräumen und aufzuklären: Wer Leichte Sprache anbietet, möchte seine Leser nicht als zu dumm hinstellen, sondern möchte diejenigen in ihren Rechten stärken und miteinbeziehen, für die dies die einzig mögliche schriftliche Sprachform ist.

Nun haben die Wahlbenachrichtigungen erst einmal für große Verwirrung und Verärgerung gesorgt. Ich kenne ähnliche erste Reaktionen aus meiner Arbeit: Dort, wo man versucht, Barrieren abzubauen, stößt sich das manchmal mit anderen Interessen, z. B. mit Interessen der Ästhetik oder der Gewohnheit. Barrieren abzubauen verändert unsere Sehgewohnheiten, trifft den Nerv unseres guten Geschmacks und damit auch ein Stück unserer Kultur und kann stören, verunsichern, verärgern. Die Stichwörter „ungewohnt“, „störend“ und „den ... Lesegewohnheiten zuwiderlaufen“ werden ja in Ihren Artikeln genannt. Hier ist also ein Verlust zu vermelden; das kann ich ein Stück weit nachvollziehen. Auch ich lege Wert auf gute Wortwahl und auf eine Schönheit der Sprache. Und doch ist diese Einschätzung, uns würde durch die Nutzung von Leichter Sprache etwas an Ausdrucksfähigkeit oder Bildung genommen, nicht sachgerecht.

Es gibt übrigens auch positive Beispiele; die Bilderbibel mit den Bildern von Kees de Kort ist ein solches: Die Bilder des niederländischen Künstlers sind aussagekräftig, die Texte schlicht und berührend. Hier haben wir Leichte Sprache in ihrer besten Form.

Eine solche Ästhetik wird eine Wahlbenachrichtigung, wie auch immer man sie gestaltet, nicht erreichen; muss sie auch nicht. Denn in der Debatte um die Wahlbenachrichtigungen in Leichter Sprache über Ästhetik, den Verfall von Sprache und das Sinken des Bildungsniveaus nachzudenken greift daneben. Es geht vielmehr darum, Menschen, die aus verschiedenen Gründen Verstehensbarrieren erleben, Zugang zu wichtigen Informationen zu verschaffen; das ist ein sehr ehrwürdiges Anliegen und muss es bleiben. Und es geht darum, Menschen, die Leichte Sprache brauchen, mit derselben Würde und demselben Respekt zu begegnen wie jedem anderen Menschen auch.

Pastorin Systa Ehm, Barsbüttel