Meinung
Leitartikel

Nach Terroranschlag: Putins doppeltes Problem

Russland bietet dem Islamismus in Syrien und im Nordkaukasus Angriffsflächen.

Noch liegen nicht alle Beweise auf dem Tisch. Noch sind wichtige Details des Terroranschlags von St. Petersburg nicht restlos aufgeklärt. Noch gibt es zu viele Fragen über mögliche Komplizen. Doch alle verfügbaren Indizien weisen auf einen islamistischen Hintergrund hin. Die Botschaft hinter der Attacke ist indessen klar. Die U-Bahn bietet eines der verletzlichsten Ziele im Herzen der pulsierenden Metropole St. Petersburg. Zwei Millionen Menschen pendeln jeden Tag mit der Metro. Wer hier eine Bombe explodieren lässt, will maximale Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung verbreiten.

Zudem ist die beliebte Touristen-Hochburg die Heimatstadt von Präsident Wladimir Putin. Wir können dich treffen – jederzeit und überall, lautet der Schlachtruf in der Logik des Terrors. Die Autorität des Kremlchefs, der gern in der Pose des starken Mannes auftritt, soll untergraben werden. 2018 richtet Russland die Fußballweltmeisterschaft aus. Das Stadion in St. Petersburg ist als einer der sportlichen Glanzpunkte vorgesehen.

Unbestreitbar hat Putin ein doppeltes Islamismus-Problem – eines im Nahen Osten, eines vor der Haustür. Mit seiner großflächigen Militär-Intervention in Syrien hat er nicht nur Russland als wiederauferstandene Weltmacht etabliert. Durch seine Kampagne gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) fühlen sich die Extremisten in die Enge getrieben. Die Bombenexplosion in einem russischen Urlauberjet auf dem Flug von Ägypten nach St. Petersburg mit 224 Toten im Oktober 2015 war ein erstes Terror-Fanal.

Doch auch an Russlands Südgrenze, im Nordkaukasus, brodelt der Islamismus schon lange. Tausende von jungen zornigen Männern in den ehemaligen Sowjetrepubliken haben wenig wirtschaftliche Perspektiven. Viele flüchten ins kriminelle Milieu oder schließen sich den Todesschwadronen des IS in Syrien und im Irak an. Tausende Kämpfer sollen aus Ländern wie Kirgistan, Usbekistan oder Tadschikistan stammen.

In zwei Tschetschenien-Kriegen machte Putin Front gegen den islamistischen Separatismus. Heute regiert Moskau dort mit eiserner Faust. Im Oktober 2007 wurde jedoch das Kaukasus-Emirat vom tschetschenischen Terroristen und Rebellenführer Doku Umarow ausgerufen. Umarow bekannte sich sowohl zu den Anschlägen in der Moskauer Metro 2010 als auch zur Terrorattacke am Flughafen Moskau-Domodedowo.

Nach der Bombenexplosion von St. Petersburg ist klar: Russlands Angriffsfläche ist erheblich größer, als sich Wladimir Putin dies vermutlich bislang eingestanden hat. Die Gefahr wird umso bedrohlicher, sollten Tausende IS-Kämpfer in den Nordkaukasus zurückkehren. Ein Szenario, das angesichts des schrumpfenden Territoriums des Kalifats in Syrien und im Irak sehr wahrscheinlich ist.

Für Schadenfreude bietet dies allerdings keinen Anlass – auch wenn man der Politik Putins kritisch gegenübersteht. Viele Staaten stehen im Fadenkreuz islamistischer Extremisten. Seit 2015 wurden Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, London und nun St. Petersburg erschüttert. Morgen kann es Rom, Warschau oder München treffen. Die Bekämpfung des Terrors wird noch etliche Jahre dauern, manche reden von einer Generationenaufgabe. Aber es gibt nur ein Rezept: enge internationale Abstimmung, Austausch von Geheimdienst-Informationen und grenzüberschreitende digitale Aufrüstung gegen die Propaganda-Kanäle des IS.