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Wenn der Wind sich dreht

Die überhöhten Erwartungen an die erneuerbaren Energien holen uns jetzt ein. Mehr Realismus, bitte!

Es sind Horrorbotschaften für eine erfolgsverwöhnte Branche. Bis vor Kurzem freute sich die Windwirtschaft über perfekte Bedingungen. Umsätze und Arbeitsplätze wuchsen, Hamburg feierte sich stolz als "Hauptstadt der Windenergie". Die Energiewende, dieses tollkühne Projekt der Ex-Physikerin Angela Merkel, verhieß uns ein grünes Wirtschaftswunder, manchem gar die Weltrettung. Und wie so oft, wenn es nicht nur um Zahlen, sondern auch um einen ideologischen Überbau geht, gerieten die Erwartungen etwas zu hoch, die Prognosen etwas zu steil, die Perspektiven etwas zu rosig. Statt vom versprochenen Wirtschaftswunder liest man dieser Tage ganz andere Schlagzeilen.

Über die Solarindustrie sind längst lange Schatten gefallen; eine Pleitenserie hat die "Zukunftsbranche" schon vor Jahren alt aussehen lassen. Nun kämpft das letzte verbliebene Vorzeigeunternehmen Solarworld gegen das Aus. Die Hamburger Conergy ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, ebenso wie der einstige Weltmarktführer Q-Cells. Zwischen 2012 und 2015 sank, so künden Daten des Bundeswirtschaftsministeriums, die Zahl der Beschäftigten in der Solarbranche in Deutschland von 114.000 auf nur noch 42.000. Dagegen ist die Kohlebranche fast ein Jobmotor.

Folgt nun die Flaute beim Wind? Der Anlagenhersteller Nordex schockte seine Aktionäre vor Kurzem mit einer Umsatzwarnung, daraufhin musste der Firmenchef abtreten. Der Kurs der Wachstumsaktie hat sich seit Oktober halbiert. Beim Hamburger Konkurrenten Senvion sollen in Deutschland 730 Stellen gestrichen werden, ganze Standorte wie der in Husum stehen vor der Schließung.

Die Nachrichten sind kein Zufall, 2016 fiel die weltweit installierte Leistung um 15 Prozent. Schlimmer noch: Die Energiepolitik in wichtigen Märkten ist derzeit kaum vorhersehbar – der jüngste Rollback in der Klimapolitik von Donald Trump ist zwar der spektakulärste, beileibe aber nicht der einzige politische Gegenwind. China etwa hat die Installationen reduziert, um Probleme im Stromnetz zu vermeiden. Auch in Deutschland sind die fetten Jahre für die Branche vorbei. Das verbliebene Wachstum liegt im Ausland.

Das dürfte ein Grund sein, warum Siemens seine in Hamburg beheimatete Windsparte 2016 mit der kleineren Gamesa fusioniert hat. Der Vorstand sitzt nun in Spanien, an der Elbe bleibt nur die Zentrale für Windenergie auf See. Der Branche geht es wie vielen jungen Technologien: Der Goldgräberstimmung folgt der Wettbewerb, dann Überkapazitäten und Preisverfall. Erschwerend kommt in Deutschland hinzu, dass der Widerstand im Schatten der Windrotoren weiter zunimmt. Jeder ist für die Energiewende, bis sie am eigenen Gartenzaun ankommt.

Der Hauptstadt der Windenergie dürfen diese Entwicklungen nicht egal sein. Bundesweit arbeiten knapp 150.000 Menschen in der Branche, viele davon im Norden. Beim Cluster Erneuerbare Energien Hamburg (EEHH) gibt man sich zweckoptimistisch und rechnet mit stabilen Märkten, schränkt aber ein, dass die Zeiten des schnellen Branchenwachstums vorbei sind. "Die Vergütungen für Windstrom sind in den letzten Jahren weltweit stark gefallen und werden heute auch häufig in Ausschreibungen ermittelt, was den Wettbewerb verschärft. Die Windbranche in der Metropolregion Hamburg ist damit auch konfrontiert, aber gut für den Wettbewerb aufgestellt", sagt Astrid Dose vom EEHH.

Immerhin liegt in der Krise eine Chance – wenn, anders als im Fall von Siemens, Hamburg zu den Gewinnern der Konsolidierung gehört. Statt Neuinstallationen wie in der Vergangenheit zu überfördern, muss die Politik nun eher Wachstumshindernisse beseitigen und Forschung und Entwicklung unterstützen. Die Verwerfungen auf dem Solarmarkt sollten eine Lehre sein: Ein ähnliches Desaster im Windmarkt gefährdet die Energiewende.

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