Meinung
Leitartikel

Unabsteigbar? Der Hamburger Spott-Verein

Der Autor ist Sport-Reporter beim Abendblatt

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Foto: HA / Andreas Laible

Dem HSV bleibt nach der zweiten 0:8-Pleite bei Bayern nur: Häme ertragen – und Klasse halten.

0:8! In Worten: Null. Zu. Acht. Ausrufezeichen. Eight nothing, könnte man auch noch auf (Trump-)Englisch sagen. Total desaster. It is true. Really.

Doch was soll man nach so einem epischen Spiel noch großartig sagen? Was schreiben? Vielleicht nur eines: dass es nicht episch war, sondern normal. Der normale Wahnsinn. Der HSV hat nicht nur 0:8 in München verloren. Der HSV hat auch noch achtmal in Folge in München verloren. Mit einem Torverhältnis von 3:45. Really.

Man könnte an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass die höchste Niederlage der Clubgeschichte der Tiefpunkt einer ganzen Reihe von Blamagen in den vergangenen Jahren war. Man könnte schlussfolgern, dass dieser HSV nicht erstligareif ist. Das Problem: hat man bereits geschlussfolgert, hat man schon darauf hingewiesen. Vor ziemlich genau zwei Jahren, als der HSV auch schon episch in München verloren hat. Mit: 0:8. Total desaster.

Der HSV schien auf dem richtigen Weg

Der Unterschied von damals zu heute? Gefühlt: keiner. In Wahrheit: Irgendetwas ist oder war wohl doch anders als sonst. René Adler, der in drei HSV-Spielen in München insgesamt 22 Gegentore kassierte, hat es nach dem aktuellen Grausam-Auftritt derb auf den Punkt gebracht: „Wir haben unser Ansehen mit dem Arsch eingerissen.“

Denn so komisch es nach dem erneuten 0:8 in München auch klingt: Der HSV schien vor diesem Auftritt nach langer Zeit endlich auf dem richtigen Weg. Vor zwei Jahren war das 0:8 die fast schon logische Folge aus einer Kette aus unzähligen Pleiten, Pech und Pannen. Die heftige Klatsche war peinlich – aber nicht überraschend. Das ist diesmal anders: Das erneute 0:8 ist nicht weniger peinlich, doch in dieser Heftigkeit hätte es kaum einer erwartet. Und damit ist es fast noch schlimmer als das unterirdische 0:8 von 2015.

Das Ansehen, von dem Adler diesmal spricht, hatte sich der HSV mühsam in den vergangenen Wochen neu erarbeitet. Besonders Trainer Markus Gisdol, Sportchef Jens Todt und Vorstandschef Heribert Bruchhagen hatten es irgendwie geschafft, der größten Lachnummer der Liga den Anstrich eines ernst zu nehmenden Bundesligaclubs zu geben. Doch nach nur 90 Minuten ist alles, was man sich seit Januar mühsam aufgebaut hat, weg. Das adlersche Ansehen? Ist mit dem Allerwertesten so was von eingerissen.

Vom letzten 0:8 ist aus der Startelf nur Djourou übrig

Und nun? Ein erneutes Grillfest? Eine erneute Personalrochade? Trainer, Sportchef, Vorstand, Spieler: alle austauschen? Alles ändern? Really?

Natürlich nicht. Das alles hat der HSV schon zu oft versucht. Aus der damaligen 0:8-Startelf ist beim diesjährigen 0:8 lediglich Johan Djourou übrig geblieben. Seit 0:8-Coach Joe Zinnbauer hat der HSV noch dreimal den Trainer, den Sportchef und fast den ganzen Vorstand gewechselt, zudem noch 65 Millionen Euro ausgegeben.

Gebracht hat das alles: nichts. Fast nichts. Denn auch wenn man es kaum glauben kann, abgestiegen ist der HSV auch nach dem erneuten 0:8 nicht. Noch nicht. Deswegen hat der HSV nach dieser Blamage auch nur eine Chance: demütig all den Spott über sich ergehen zu lassen, sich das abhandengekommene Ansehen zurückzuerarbeiten, irgendwie erneut die Klasse zu halten – und in der nächsten Saison wieder nach München zu fahren. Nicht zu 1860, sondern zu den Bayern. Really.