Meinung
Hamburger Kritiken

Hochdeutsch ist das neue Plattdeutsch

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Matthias Iken

Die Verteidigung der Sprache steht schnell im Verdacht der Deutschtümelei. Dabei meint sie das Gegenteil

Wer durch die Innenstadt geht, darf sich wundern: dass der „Sale“ den Schlussverkauf verdrängt hat, wussten wir ja schon. Geschenkt. Aber dass ein Kaufhaus am Jungfernstieg offenbar als Zugangsvoraussetzung fließendes Englisch oder ein Wörterbuch im Handtäschchen erwartet, überrascht doch. Da müssen Kunden Vokabeln wie „Knitwear“ oder „Lingerie“ parat haben, um einfache Strickwaren oder Unterwäsche zu finden. Selbst in Provinzbäckereien am Allerwertesten der Heide trinkt das Landei inzwischen Coffee oder Tea. Die Berliner sind natürlich längst weiter – in Kreuzberg gibt es Kneipen und Läden, in denen auch deutsche Kunden von deutschen Verkäufern konsequent auf Englisch bedient werden. Da sind viele schnell bedient.

Der unvergessene Rudi Carrell hat es einst auf den Punkt gebracht: „Als ich nach Deutschland kam, sprach ich nur Englisch – aber weil die deutsche Sprache inzwischen so viele englische Wörter hat, spreche ich jetzt fließend Deutsch!“ Der Holländer beschrieb den schleichenden Sprachverfall in seiner Wahlheimat, der inzwischen nur noch wenige aufregt, den noch weniger aufhalten möchten und den offenbar auch keiner stoppen darf. Als Bayern-Präsident Uli Hoeneß nun forderte, in der Umkleidekabine müsse mehr Deutsch gesprochen werden, bekam ein Soziologie-Professor gleich Schnappatmung: „Das ist eine Anbiederung an einen populistischen Diskurs.“ Geht’s auch ein bisschen kleiner?

Eine gemeinsame Sprache zu sprechen ist keine Marotte ergrauter Studienräte oder wortgewaltiger Bayern-Präsidenten, sondern eine Grundvoraussetzung für das Gelingen der Gesellschaft. Gerade in Zeiten größerer Migrationswellen geht es um die Frage, wie dieses Land sprachlich integrieren will, wie die Menschen lernen, sich zu verstehen, und auf welchem Niveau gesellschaftliche Debatten geführt werden können.

Gleich von zwei Seiten droht die sprachliche Entkernung durch eine Abwendung vom Deutschen. Viel ist die Rede von Parallelgesellschaften, in denen Zuwanderer nach Jahrzehnten noch nicht die Sprache ihrer Wahlheimat sprechen. Doch solche sprachlichen Parallelgesellschaften gibt es nicht nur auf der Veddel, sondern auch in den Elbvororten. Viel zu selten ist die Rede vom sprachlichen Exodus einer Elite, die ihre Kinder mit der Muttermilch globalisierungstauglich trimmt und bei der sogar die Krabbelgruppe bilingual brabbeln muss. In dieser Welt fällt kaum auf, wenn einige Mütter beim Elternabend nur Englisch verstehen.

Beide Gruppen sind ein schlechtes Vorbild für die Zuwanderer – sie senden wie die alberne Anglizismenflut das Signal, das Deutsche sei nicht so wichtig. Was für ein Irrtum. Mangelnde Sprachkenntnisse rauben Migranten Aufstiegschancen, die Möglichkeiten zur Teilhabe, zur Integration, zur Gleichberechtigung. Und spätestens hier ist der Sprachstreit eben keine Petitesse für Puristen, sondern eine Mahnung an Millionen.

Auch an den Universitäten ist ein Umdenken überfällig. Natürlich ist Englisch Welt- und Wissenschaftssprache – das gilt es zu akzeptieren. Das bedeutet aber nicht, zukünftig Englisch zur Lehrsprache an Hochschulen zu machen und das Hochdeutsche zum neuen Plattdeutsch zu degradieren. Wissenschaft ist kein Selbstzweck, sondern auch Impulsgeber für die Gesellschaft. Der Bürger darf sich nicht nur Denkanstöße für die großen Debatten erhoffen, er darf sie als Financier auch erwarten. Wenn sich die Denker etwa in den Sozial- und Geisteswissenschaften ins Englische flüchten, verlieren sie den Kontakt zu vielen Laien, die ihnen nicht mehr folgen können. Der Lehre dient das weitverbreitete Pidgin-Englisch nicht, vielmehr beeinträchtigt es am Ende die Qualität, vor allem aber vergrößert es die Sprachlosigkeit in der Gesellschaft. So verarmt die Debatte. Würde Ulrich Beck heute noch die „Risikogesellschaft“ schreiben oder gleich „Risk Society?“, würden Theodor W. Adorno und Max Horkheimer noch „Dialektik der Aufklärung“ verfassen oder doch lieber „Dialectic of Enlightenment“?

Ein Plädoyer für mehr und besseres Deutsch ist keine Deutschtümelei – eher ist es das Gegenteil.

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