Meinung
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Besser beim Fußball als in der Rechtschreibung

Erinnerungen an ein Klassenspiel der Quartaner. Wann steht zwischen zwei Hauptsätzen eigentlich ein Komma?

Irgendwann 1954 kurz nach dem Wunder von Bern stand in meinem Gymnasium ein Klassenspiel unserer Quarta a gegen die Quarta b an. Dabei ging es nachmittags zwar nicht um Noten, für uns Jungen aber um die Ehre. Ich wollte gern mitspielen und bot mich als rechter Läufer an, aber ich galt schon damals als jemand, der die Rechtschreibung weitaus besser beherrschte als das Fußballspiel. Der Klassenkamerad, der die Mannschaft aufstellte, drohte mich zu übergehen, bis ich ihm ein Tauschgeschäft anbot: Ich helfe ihm beim nächsten Diktat, dafür darf ich mitspielen. Bei ihm war es nämlich umgekehrt. Er spielte hervorragend Fußball und brachte es später sogar bis zum Oberliga-Trainer, hatte aber eine die Versetzung gefährdende Schwäche in der Orthografie und vor allem in der Interpunktion. Er ging auf meinen Vorschlag ein.

Als das Diktat anstand (übrigens ein Diktat, das die Kultusministerkonferenz heute als Verletzung der Menschenwürde bezeichnen würde), setzten wir beide uns, die sonst nicht nebeneinander saßen, in die erste, unten offene Bank. Er schob sein linkes Bein in meine Richtung, ich stellte meinen rechten Fuß über seinen Fuß, und immer wenn ein Komma nötig war (das der Lehrer nicht mit diktierte), trat ich leicht zu. Das blieb nicht unbemerkt. Der Studienrat baute sich vor unserer Bank auf, und als ich eine Stelle ohne Satzzeichen passieren lassen wollte, brüllte er laut „Komma!“ und stampfte mit solcher Wucht auf unsere Füße, dass ich wochenlang gegen keinen Ball mehr treten konnte.

Ich bin zwar nach wie vor der Meinung, dass nach einer Infinitivkonstruktion, die das Subjekt im Satz vertritt, kein Komma stehen darf, und ich bleibe dabei, wie viele Tritte ich dafür auch bekommen möge, etwa: Ein Kind schlagen ist ungezogen. Die Infinitivkonstruktion ist ein Satzglied, und zwischen Satzgliedern (ohne Einschub) steht kein Komma. Übrigens heißt es „ein Kind schlagen, ein Auto fahren“ und nicht „ein Kind zu schlagen, ein Auto zu fahren“. Der Infinitivbestandteil „zu“ im Satzglied ist regionalsprachlich und kommt hauptsächlich in Berlin und auch in Hamburg vor. Doch zurück zur Zeichensetzung, die heutzutage zwar nicht mehr beherrscht zu werden braucht, um im Abituraufsatz eine Eins zu bekommen, die aber trotzdem nicht allzu chaotisch ausfallen sollte. Zwischen zwei vollständigen Hauptsätzen steht ein Punkt oder wenigstens ein Komma, ein Semikolon oder ein Doppelpunkt. So weit dürfte Einigkeit herrschen. Was aber, wenn die Hauptsätze durch und, oder, entweder – oder, weder – noch oder beziehungsweise verknüpft sind? Auch dann steht ein Komma. Hauptsatz bleibt Hauptsatz.

Da es sich aber um eine Regel handelt, mit der bereits unsere Großeltern ständig kämpfen mussten, gaben die Rechtschreibreformer die Kommasetzung an dieser Stelle frei. Es liegt jetzt im Ermessen des Schreibenden, ob er sich für ein Komma entscheidet oder nicht: Sie war wie vom Erdboden verschwunden[,] und er blieb ratlos zurück. Entweder du teilst es ihm morgen selbst mit[,] oder du beauftragst einen Kollegen. Er fährt mit dem Auto zur Arbeit[,] beziehungsweise seine Frau fährt ihn.

Orthografische Freigeister mögen darüber jubeln, dass sie nun keinerlei tiefschürfende Analysen der Sätze mehr anstellen müssen. Doch für die Leser liest es sich mit Komma einfacher, besonders wenn die Sätze lang oder die Spalten schmal sind wie in der Zeitung. Bleiben wir also beim Alten.

Nach wie vor muss ein Komma gesetzt werden, wenn die Hauptsätze nicht direkt aufeinanderstoßen, sondern ein Einschub oder Nebensatz dazwischen steht. Dessen schließendes (!) Komma bleibt stets erhalten: Entweder du gehst morgen zur Schule, und zwar pünktlich, oder du bekommst eine Tracht Prügel. Er freute sich sehr, dass es seiner Frau besser ging, und er brach sogleich zum Kegelabend auf. Werden Hauptsätze durch adversative Konjunktionen verbunden, also durch Bindewörter, die einen Gegensatz ausdrücken, muss ein Komma stehen: Er wollte sich wieder versöhnen, doch sie weigerte sich, ihn anzuhören. Wir hatten Opa vom Kauf abgeraten, aber er kaufte trotzdem. Es regnet nicht, sondern es schneit.

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