Meinung
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Der verlorene Glaube

Wie das Christentum immer mehr aus der Gesellschaft verschwindet – und was das bedeutet

Beginnen wir die Kolumne mit einem Buchtipp – jetzt am „Heiligen Morgen“ soll es ja noch Menschen geben, die verzweifelt nach einem Geschenk suchen. Navid Kermani, ein gläubiger Muslim, hat ein Buch (Beck, 24,95 Euro) über das Christentum geschrieben mit dem wunderbaren Titel „Ungläubiges Staunen“ – eine respektlose wie liebevolle Ausein­andersetzung mit unserer Weltreligion anhand von Kunstwerken aus zwei Jahrtausenden. Es ist ein Werk für Christen wie Atheisten, für Zweifelnde wie Suchende. Es soll ja noch Leute geben, die den Zusammenhang zwischen Weihnachten und Christentum fehlerfrei herstellen können.

Der deutsch-iranische Autor Kermani ist ein kluger wie kämpferischer Intellektueller. Der Orientalist will einen weltanschaulich neutralen Staat, beklagt aber den wachsenden religiösen Analphabetismus, in einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Hamburg kritisierte er, dass hierzulande derzeit „Traditionsketten reißen“.

Es ist eine absurde Situation: Die wichtigsten Vertreter der Republik, Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel, sind vermutlich christlicher sozialisiert als die meisten ihrer Vorgänger – Gauck war evangelisch-lutherischer Pastor, Merkel stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus. Doch der Anteil der Christen in Deutschland sinkt minütlich: Während vor 40 Jahren Nichtchristen als Exoten galten, stellen sie heute in Hamburg die Mehrheit. Insgesamt ist der Anteil beider Konfessionen im Land auf jeweils unter 30 Prozent abgesackt.

Natürlich hat das Folgen – so beschleunigt sich eine kulturelle Erosion. Man kann Johann Sebastian Bach zwar hören, aber ohne christliche Grundkenntnisse nicht mehr verstehen; man kann Friedrich Hölderlin oder Joseph von Eichendorff weiter lesen, aber kaum durchdringen. Und auch die wunderbare Geschichte der Geburt Jesu im Lukas-Evangelium ist ohne die Auferstehung Christi – mit Verlaub – nur märchenhafter Kitsch.

Warum fremdeln wir so mit unserer Religion? Wir machen uns zu Recht Sorgen um den Wasserschierlingsfenchel und den afrosibirischen Knutt als Naturerbe, unser kulturelles Erbe aber baggern wir begeistert und ohne Nachdenken weg. Natürlich hat das auch mit den Kirchen zu tun. Die Katholiken zerschlagen gerade ihre Pfarreien und schaffen pastorale Räume, die für die Gläubigen weiter weg sind. Die Protestanten im Kirchenkreis Hamburg-Ost wollen fast jedes dritte Gebäude loswerden. Der wirtschaftliche Druck ist da, die Pensionslasten sind hoch – aber verspielen die Kirchen wegen der Kosten von gestern ihre Perspektive für ein Morgen? Bleiben bald nur die Türme der Hauptkirchen als architektonische Erinnerung?

Und wie klingen die Botschaften der Kirchen? Natürlich ist Glaube politisch, aber zunächst einmal ist es Glaube – mit Mystik, Spiritualität, Transzendenz. Wer das christliche Programm auf reine Politik reduziert, landet schnell irgendwo zwischen Linkspartei, Ver.di und den Grünen. Damit wird man eine austauschbare Stimme im Chor der Atomkraftgegner, Netzerückkäufer, Kapitalismuskritiker oder Flüchtlingsaktivisten.

Die Tonlage, die Christen besonders macht, ihre Hoffnung auf Auferstehung, ihr Glaube, den Tod zu überwinden, hingegen hört man selten. Dabei wäre gerade dieser Tage mehr Gottvertrauen, ein „Fürchte dich nicht“ hilfreich. Und Feindesliebe lautet die Herausforderung in Zeiten des Hasses.

„Not lehrt beten“, heißt ein altes Sprichwort. Der islamistische Terror aber schwächt den Glauben eher – die unheiligen Krieger bringen nicht nur den Islam in Verruf, sondern das Christentum gleich mit: Schuld ist am Ende nicht mehr die Irrlehre wirrer Hassprediger, sondern Religion an sich.

Wie dieses Land ohne sein christliches Erbe, seine Werte und die Nächstenliebe aussähe, ohne christliche Krankenhäuser, Kindergärten, Hospize, ohne seine Jugendgruppen, Seniorenarbeit und Flüchtlingshilfe? Eher finster, vielleicht wie eine etwas andere DDR. Aber die gäbe es dann vermutlich auch noch.

Vom iranischen Dichter Ahmad Schamlu stammt der Satz: „Wenn man Gott in die Besenkammer sperrt, wird er eines Tages als Teufel wieder heraustreten.“ Es lohnt, darüber nachzudenken.