Meinung
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Trump und Aleppo

Putin und Syriens Machthaber Assad nutzen die geopolitische Gunst der Stunde

Auch wenn die Kämpfe in Ost-Aleppo noch eine Weile weitergehen: Die Schlacht um die Stadt ist entschieden. Die syrischen Regierungstruppen und ihre Verbündeten Russland und Iran haben triumphiert.

Es ist kein Zufall, dass der Niedergang Ost-Aleppos Mitte November begann. Eine Woche nach der US-Präsidentschaftswahl setzten Syrien und Russland zur Großoffensive an. Der designierte Chef im Weißen Haus, Donald Trump, hat die Fährte gelegt: Er wolle gute Beziehungen zu Kremlchef Wladimir Putin und halte nichts von US-Interventionen bei internationalen Konflikten, lautete die neue Melodie aus Washington. Trump kündigte an, Amerikas Wirtschaft und die Rückholung von abgewanderten Arbeitsplätzen zur Top-Priorität zu machen. Keine Rede mehr von der Krim-Annexion oder den russischen Störmanövern in der Ostukraine.

Der Machtpolitiker Putin hat Witterung aufgenommen und zum Vormarsch auf Ost-Aleppo geblasen. Wohlwissend, dass Amerika im Interregnum zwischen zwei Amtsinhabern außenpolitisch gelähmt ist. Die Rechnung ging auf. Putin nutzte erneut die Gunst der Stunde. Wie vor Jahren. Im August 2013 hatte US-Präsident Barack Obama dem syrischen Staatschef Baschar al-Assad mit Konsequenzen bei der Überschreitung „roter Linien“ gedroht. Doch als dieser Chemiewaffen und Fassbomben abwarf, passierte nichts. Für Putin ein wichtiger Testfall. Er kommandierte im September 2015 seine Kampfjets nach Syrien ab. Assads Soldaten, die im mehrjährigen Bürgerkrieg mit dem Rücken zur Wand standen, bekamen Oberwasser. Mit Trumps Charme-Offensive Richtung Putin war Syrien erneut Profiteur beim Feldzug gegen Ost-Aleppo.

Assad, Putin und Trump: Aleppo könnte zu einer Blaupause für eine neue internationale Interessenkoalition werden. Zumal dann, wenn die drei Länder die Bekämpfung des islamistischen ­Terrorismus auf ihre Fahnen heften. Moskau und Damaskus dienen sich bereits als Speerspitze gegen die Todesschwadronen des „Islamischen Staats“ (IS) an. Mit Trump, der bei diesem Thema Lunte gerochen hat, könnte das Kalkül aufgehen.

Der Bürgerkrieg in Syrien ist damit jedoch nicht vorbei. Er wird vermutlich an Intensität verlieren und auf kleinerer Flamme weiterkochen. Zu viele Akteure haben ihre Hände im Spiel. Saudi-Arabien rüstet sunnitische Rebellen auf. Vor allem, um dem Assad-Unterstützer Iran in die Parade zu fahren und einen Machtzuwachs der schiitischen Achse Teheran-Bagdad-Damaskus zu verhindern. Doch haben sich die Saudis in einen verlustreichen Krieg im Jemen verbissen. Das bindet Kräfte und nützt Assad.

Auch der türkische Staatspräsident Erdogan befindet sich in der Anti-Assad-Front. Ankara hat – wie Riad – sunnitischen Aufständischen mit Geld und Waffen unter die Arme gegriffen. Erdogan hat aber einen taktischen Schwenk vorgenommen: Sein erstes Ziel ist nun die Bekämpfung der Kurden in Nordsyrien. Er will mit aller Macht verhindern, dass die ethnische Minderheit vor der eigenen Haustür ein flächendeckendes Territorium mit weitgehender Autonomie bekommt. Dazu ist Erdogan bereit, eine Liaison mit Putin einzugehen. Auch das mindert den Druck auf Assad.

Im Dreieck Assad-Putin-Trump steckt jedoch auch Konfliktpotenzial. Erstens: Der neue US-Präsident hat seine volle Rückendeckung für Israel bekundet. Zweitens: Den Atom-Deal mit dem Iran will Trump rückgängig machen. Das wiederum sorgt für Reibungsflächen mit Putin und Assad. Wie diese Interessenkollision ausgehen wird, ist offen.

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