Meinung
Gastbeitrag

„Evolutioneum“: Vom Urknall bis Hamburg

Wir brauchen wieder ein Naturkundemuseum. Das „Evolutioneum“ wäre ein Leuchtturm des Wissenschaftsstandorts.

Schon in den 90er-Jahren unterstützte Loki Schmidt die Pläne der Universität Hamburg, die naturwissenschaftlichen Sammlungen der Universität in einem Naturkundlichen Museum zusammenzuführen. In einem Jahrzehnt, in dem bis 2006 an der Universität jede zweite frei werdende Stelle und ein Viertel der Haushaltsmittel eingespart werden mussten, waren die Chancen zur Verwirklichung solcher Pläne gering.

Seit der Wissenschaftshaushalt ab 2007 durch Studiengebühren und deren haushaltsfinanzierte Ablösung diese Einsparungen ausgeglichen hat, sind die Planungen für ein Hamburger Naturkundemuseum wieder aktuell. Der Wissenschaftsrat hat die Hamburger Sammlungen begutachtet und zählt sie zu den bundesweit bedeutendsten mit einzigartigen Schwerpunkten. Vor allem aber hat eine gerade wirksam gewordene Grundgesetzänderung die Möglichkeit einer dauerhaften Mitfinanzierung universitärer Einrichtungen durch den Bund geschaffen. Damit sind alle Voraussetzungen gegeben, für das 1943 zerstörte Naturkundemuseum ohne Überforderung des Landeshaushalts eine ähnlich bedeutsame Nachfolgeeinrichtung zu schaffen.

Hamburgs Naturkundemuseum war nach dem Berliner das zweitgrößte in Deutschland. Seine Bestände waren seit dem 17. Jahrhundert von Hamburger Kaufleuten, Kapitänen, Reedern und Wissenschaftlern gesammelt und 1891 in einem Neubau am Steintordamm gegenüber dem Museum für Kunst und Gewerbe zusammengeführt worden. Zum Glück konnte der größte Teil der Sammlungen vor der Zerstörung gerettet und beim Ausbau der Universität den jeweiligen Fächern zur Pflege und Weiterentwicklung anvertraut werden.

Vor der Patriotischen Gesellschaft hat nun der Leiter des universitären Centrums für Naturkunde, Prof. Dr. Glaubrecht, das faszinierende Konzept eines „Evolutioneum“ vorgetragen, das den Wissenschaftsstandort Hamburg profilbildend bereichern würde. Diese Vision eröffnet eine attraktive wissenschafts- und bildungspolitische Zukunftsperspektive.

Das „Evolutioneum“ würde die Entstehung und Entwicklung des Universums vom Urknall bis zur Entstehung des Lebens, dessen Evolution im Wandel von Umweltbedingungen sowie die Rolle des Menschen in der Evolution erforschen und vermitteln.

Dieses „Zentrum für Evolutionsforschung und Naturwissenschaftliche Bildung“ würde die aktuellste naturwissenschaftliche Weltsicht repräsentieren, weiterentwickeln und vermitteln sowie das besondere Profil des Wissenschaftsstandorts Hamburg spiegeln. Die Sternwarte und das Planetarium, die Zoologischen, Botanischen, Mineralogischen und Geologisch-Paläontologischen Sammlungen, die Sammlungen des UKE und die Ausstellung „Das Licht der Zukunft“ zum 50-jährigen Bestehen von Desy wären unverzichtbare Bausteine eines „Evolutioneum Hamburg“.

Dieser Leuchtturm des Wissenschaftstandorts Hamburg erfordert eine laufende Finanzierung von sechs bis acht Millionen Euro jährlich. Hamburg kann sich daran mit drei bis vier Millionen Euro beteiligen, die gegenwärtig im Haushalt der Universität für alle wissenschaftlichen Sammlungen finanziert werden. Eine Bundesbeteiligung in gleicher Höhe ist nicht unrealistisch. Der erforderliche Neubau lässt sich in Hamburg über mäzenatisches Engagement finanzieren.

Ein „Evolutioneum Hamburg“ könnte als Wahrzeichen des Wissenschaftsstandorts Hamburg dessen Profil weltweit sichtbar machen. Evolutionsforschung und eine deren Erkenntnisse einbeziehende Bildung können darüber hinaus am wirksamsten jenen populär- und sozialdarwinistischen Fehldeutungen entgegentreten, die Veränderung nicht als Entwicklung, sondern als Bedrohung, das Andere nicht als Chance zum Austausch, sondern als feindliche Herausforderung, Symbiose nicht als Bereicherung, sondern als Gefahr sehen. Evolutionsforschung belegt, dass die Fähigkeit zur Kooperation und Kommunikation, die Anpassung an Veränderungen der Umwelt und soziale Verhaltensweisen überlebenswichtig und lebensfördernd sind. Auch darum brauchen wir ein „Evolutioneum“.