Meinung
Leitartikel

Hamburgs Wohnungsaufbau Ost

In Rothenburgsort und Hammerbrook entscheidet sich die Zukunft der Stadt

Die Nacht, in der Rothenburgsort unterging, war eine laue Sommernacht: Am anbrechenden 28. Juli 1943 brachten alliierte Bomber den Terror, den Deutschland gesät hatte, heim ins Reich – und Hamburgs Osten verbrannte in einem bis dato nicht gekannten Feuersturm, der Operation „Gomorrha“. In dieser Nacht starben 30.000 Menschen. Arbeiterviertel hörten binnen Minuten auf zu existieren, ganze Stadtteile wurden ausradiert. Ein ebenso schlichtes wie beeindruckendes Mahnmal am Billhorner Deich, das Terrassenhaus, erinnert an diese Nacht, als der Tod vom Himmel fiel.

Vis-à-vis kehrt nun das Leben zurück. Auf dem Areal zwischen Marckmannstraße und Billhorner Kanalstraße sollen 650 Wohneinheiten und 400 Studentenappartements entstehen. Nach der Fertigstellung könnten 2000 Menschen mehr in Rothenburgsort leben, einem Stadtteil, der heute nicht einmal 10.000 Einwohner hat. Hamburgs Aufbau Ost ist das wohl nachhaltigste und größte Stadtentwicklungsprojekt. 2014 hat sich der Senat unter dem etwas sperrigen Titel „Stromaufwärts an Elbe und Bille – Wohnen und urbane Produktion in Hamburg-Ost“ der Entwicklung der Stadtteile angenommen. Es ist ein Neuanfang und eine Rückbesinnung zugleich: Die alten Wohnviertel, in denen bis zur Operation „Gomorrha“ Zehntausende lebten, sollen endlich zu neuem Leben erwachen. Wann immer in der Hansestadt von Verdichtung die Rede ist, fürchten viele Bürger das Zubetonieren letzter Grünflächen und Hinterhöfe – dabei ist fast im Zentrum der Stadt geradezu aufreizend viel Platz für Tausende Wohneinheiten: Fünf Minuten mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof entfernt liegen Brachflächen, Parkplätze, kaum genutzte Gewerbeflächen.

Für die Stadtentwicklung bekommen gerade die Stadtteile Hammerbrook und Rothenburgsort eine zentrale Bedeutung – sie sind das fehlende Bindeglied, ein Missing Link zwischen Innenstadt, HafenCity und Wilhelmsburg. Gelingt der Wiederaufbau dieser Stadtteile, wird der viel zitierte Sprung über die Elbe ein lockerer Hüpfer. Dort, zwischen Norderelbe und Billebecken, entscheidet sich, ob die Stadt nicht nur geografisch, sondern auch sozial zusammenwachsen kann.

Die Chancen stehen gut: Die Stadtteile sind nah am Wasser gebaut und entwickeln dadurch einen besonderen Reiz. Im Elbpark Entenwerder ist das Charisma dieses nahen und doch so fernen Hamburg längst zu spüren. Im Osten dürfen urbane Pioniere Wurzeln schlagen. Künstler, Studenten, aber auch junge Familien können Rothenburgsort und Hammerbrook entwickeln. Voraussetzung für eine erfolgreiche Besiedelung ist aber nicht nur eine funktionierende Infrastruktur vom Nahverkehr über Kita-Plätze bis hin zu Arztpraxen, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten, sondern vor allem günstiger Wohnraum. Das alles wird ohne Steuerung, ohne sensible Eingriffe nicht gehen. Und es wird nicht ohne kulturelle Freiräume funktionieren, die der maximalen Verwertung eines jeden Qua­drat­meters widerstehen.

Die Bomben der Operation „Gomorrha“ haben kaum einen Stein auf dem anderen gelassen – der Wiederaufbau muss diese Wunden heilen, ohne sie ganz zu überdecken. Die wenigen Reste des alten Hammerbrooks und des alten Rothenburgsorts sind Teile des kollektiven Gedächtnisses der Stadt; die Viertel dürfen nicht zu reinen Spielwiesen für Immobilieninvestoren verkommen, sondern Lebens- und Erinnerungsräume werden.