Meinung
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Schimpfwort Gutmensch

19./20. November: Zum Leserbrief der Woche „Unbesonnene Politik“

Beim Lesen dieses Leserbriefs hat mich der „heilige“ Zorn erfasst. Und ich frage mich allmählich, warum das Abendblatt immer wieder den darin geäußerten Ansichten bei den Leserbriefen Raum gibt. Man wartet ja buchstäblich darauf, als „Gutmensch“ gebrandmarkt zu werden. Und was daran so abstoßend ist: Ein an sich positiver Begriff wird ins Gegenteil verkehrt und als Schimpfwort verwendet. Um es deutlich zu machen: Ich bin 75 Jahre alt und habe die Geschichte unseres Landes und die Politik der Nachkriegszeit sehr bewusst miterlebt. Und ich habe bisher auch keine einzige Wahl verpasst.

Die Heuchelei, die aus diesem Leserbrief der Woche spricht, finde ich widerlich und empörend. Alle Vokabeln aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ finden sich wieder: nicht asylberechtigte Armutsflüchtlinge (die am Ende womöglich auch noch ihre Familien mitbringen wollen), Masseneinwanderung, völlig andere Kulturkreise, unbesonnene Flüchtlingspolitik – alles das stört uns womöglich in unserer Selbstzufriedenheit. Da sitzen wir nun in unseren Puppenstuben und arbeiten an unserer Hartherzigkeit.

Es würde mich sehr freuen, wenn Sie angesichts des weltweiten Vormarschs von Rechtspopulisten (vielleicht sogar Protofaschisten) auch einmal einer menschlich empathischen und liberalen Analyse Raum geben würden.

Ich bin von ausländischen und zum Teil jüdischen Freunden zu der (leider inzwischen doch zum größten Teil wieder kassierten) Flüchtlingspolitik unseres Landes beglückwünscht worden. Soll das wirklich schon wieder vorbei sein?

Barbara Uecker, Hamburg