Meinung
Kolumne

Wenn der Klempner zu Besuch ist: Film ab!

Stell dir vor, ein Klempner macht sich an der Trommel zu schaffen – und plötzlich gibt es großes Kino.

Kürzlich war der Klempner da, um unsere Waschmaschine mit einem nagelneuen Abflussventil zu erfreuen. Ein bodenständiger Mann aus Downtown Altona, der mit Waschmaschinen per Du ist. Während er schraubte, unterhielten wir uns über die Weltenwende.

Ob mir schon aufgefallen sei, dass im Fernsehen immer mehr Wölfe auftauchen, fragte er. Stimmt, im „Polizeiruf 110“ hatten Kommissarin Lenski im hintersten Brandenburg und Kollege von Meuffels in Bayern schon mal mit Wölfen zu tun. Der Klempner nannte zwei aktuelle Beispiele: „Neulich im Usedom-Krimi. Und dann im Jubiläums-,Tatort‘, nach den Keksen: Borowski wollte es erst nicht glauben, aber die Lindholm hatte vor der Scheune tatsächlich Wölfe gesehen.“

Jedes Land hat ja seine Mythen. In meiner US-Lieblingsserie „Fargo“ zum Beispiel taucht immer mal unverhofft ein Ufo auf. In Deutschland, dem Land der Naturschutzgebiete und der Krötenwandertrassen, sind es heute offenbar Wölfe. „Und das finde ich gut“, sagte der Klempner. Im Unterhaltungsprogramm könne es gar nicht genug Tiere geben. Ich verwies auf „Giraffe, Erdmännchen & Co.“ im Ersten. Aber dann sei er ja noch im Dienst, sagte er, während er die Schelle um den Waschmaschinenschlauch festzog. Nach seiner Beobachtung sei der Stadtmensch Tieren oft schon völlig entfremdet. „Was glauben Sie, was mir die Leute über Maulwürfe die Ohren volljammern. Oder sie gruseln sich vor Fröschen.“ Dem gelte es entgegenzuwirken: „In Fernsehserien müssten viel mehr Tiere vorkommen.“

Ich überlegte, welche Tiere am besten in die Kluftinger-Krimis passen würden (Borkenkäfer?) oder in den Hamburg-„Tatort“ (Lachmöwen? Wollhandkrabben?). Aber er war er schon beim nächsten Thema. „Es gibt viele Dinge, die nur im Film funktionieren“, meinte er. Sein Beispiel: „Dass die beim Autofahren ständig in den Rückspiegel oder auf den Beifahrer gucken statt auf die Straße.“

Er hat recht, theoretisch müssten Dutzende autofahrender Serienhelden längst schweren Verkehrsunfällen zum Opfer gefallen sein. Mir fiel ein, was auch nur im Film geht: Poker mit total windigen Typen, ohne sofort zu verarmen.

Wir sammelten weiter: Im Film können Amerikaner auf Anhieb russische U-Boote bedienen (und umgekehrt). Nur im Film können Laien voll besetzte Verkehrsflugzeuge fliegen (und landen!) oder auf öffentlichen Parkplätzen unentdeckt fremde Nummernschilder abschrauben – „haben Sie das schon mal versucht?“, fragte der Klempner. Ich war bisher noch nicht auf der Flucht, musste ich zugeben, dachte aber an meinen Rewe-Supermarkt-Parkplatz: Könnte schwierig werden, zu viel Publikumsverkehr. Inzwischen testeten wir Schleudern und Abpumpen.

Unsere nächste Fragestellung: Was geht in Filmen so gut wie immer schief? „Lösegeld-Übergaben“, sagte er wie aus der Pistole geschossen. „Entweder der Erpresser taucht gar nicht auf, oder es gibt eine Schießerei.“ Ich hielt dagegen: Zeugenschutz in Krankenhäusern. Das klappt nie: weil der Polizist, der vor dem Krankenzimmer der Schutzperson Wache halten soll, ständig seinen Posten verlässt, um sich Kaffee zu holen oder mit den Pflegerinnen zu scherzen. Folge: Die Zeugen im Krankenhaus sterben fast immer. Wobei erstaunlich ist, dass selbst der dümmste Mörder offenbar sofort weiß, wie man ein Atemgerät abschaltet.

Komplett absurd fanden wir auch, dass Ermittler im Film immer sofort fremde Passwörter herauskriegen. Und dass Leute in amerikanischen Filmen mit Handfeuerwaffen auf Raumschiffe oder sogar auf Geister schießen, natürlich vergeblich. Warum nicht gleich mit Zwillen? Und warum können Frauen im Film auf hohen Stilettos Freitreppen herunterrennen, während sie aber auf der Flucht in Wäldern dauernd hinfallen? Das kann doch nicht nur am Schuhwerk liegen. Sind die zu blöd zum Laufen?

Am Schluss unseres Diskurses funktionierte die Waschmaschine einwandfrei. Ich war überrascht. Wir hatten mal einen Elektriker, der Bienenköniginnen züchtete. Aber ein Filmkritiker gefangen im Körper eines Klempners – das war neu für mich. Das Handwerk birgt doch ungeahnte Kompetenzen.