Meinung
Leitartikel

Trumps Hassreden spalten Amerika

Trumps Hassreden schüren jetzt sogar die Sorgen vor realer Gewalt

Demokraten und Republikaner in Amerika leben nicht erst seit gestern in unterschiedlichen Welten. Der Siegeszug von hoch politisierten Propaganda-Fernsehsendern und demagogischen Radio-Hetzern hat seit mindestens 20 Jahren zu einer schleichend gespaltenen Gesellschaft geführt, die sich ihre Wahrheiten je nach Weltbild mund­geblasen liefern lässt. Die Wucht des Internets, in der soziale Netzwerke herkömmliche Medien in ihrer Wirkungskraft in den Schatten stellen, hat die Polarisierung aber mittlerweile in gefährliche Dimensionen getrieben.

Statt einer gemeinsamen Öffentlichkeit, in der Einigkeit über ein Grundsortiment an Tatsachen und Verfahren besteht, leben viele Öffentlichkeiten in einer ungesunden Koexistenz nebeneinander her. Aktuelle Umfragen bestätigen den Verdacht, dass sich das amerikanische Volk in einem beängstigendem Maße auseinander­gelebt hat. 80 Prozent – Demokraten wie Republikaner tun sich da nichts – sind überzeugt, dass nicht der Streit um die besseren Konzepte die politische Debatte beherrscht. Sondern die Unfähigkeit, sich darüber zu verständigen, was die Fakten sind. An die Stelle von akzeptierten Aussagen staatlicher Autoritäten ist ein Füllhorn gefühlter Wahrheiten getreten.

Niemand hat sich diese Deformation des öffentlichen Raums, in dem unter dem Deckmantel des in der Verfassung garantierten Rechts auf freie Meinungsäußerung jeder nahezu jeden Unsinn straflos behaupten kann, schneller zunutze gemacht als Donald Trump. Mit 20 Millionen Twitter-Anhängern im Rücken macht sich der Populist die Welt jeden Tag so zurecht, wie es ihm gefällt.

Nichts hält ihn auf. Bataillone von Faktencheckern verzweifeln an dem infamsten Lügenbold, den Amerika in den vergangenen 100 Jahren erlebt hat. Seine konstante Desinformation, der jeden Tag schärfer angerührte Cocktail aus Lügen, Falschheiten und Halbwahrheiten, hat ihm bisher kaum geschadet. Wie Lemminge sind seine Anhänger bereit, sich für ihn über die Klippen zu stürzen. Wer sein gnadenlos apokalyptisches Bild von Amerika mit der nicht blütenweißen, aber unbestreitbar helleren Wirklichkeit kontrastiert, wird als Feind identifiziert und bis ins Körperliche bedroht.

Seit wenigen Tagen ist die Sprache des Populisten derart eskaliert, dass ernsthaft Grund zur Sorge besteht. Trump macht drei Wochen vor der Wahl eine finstere Weltverschwörung für seine immer wahrscheinlicher werdende Niederlage verantwortlich. Ton und Wortwahl erinnern an totalitäre Demagogen.

Seine Hasspredigten zeigen Wirkung. Auf Trump-Veranstaltungen wird offen mit „Revolution“, „Aufstand“ oder gar „Blutbad“ gedroht. Stellvertretend für die Verrohung steht der Chor der Enthemmten, wenn der republikanische Kandidat in völliger Missachtung der Gewaltenteilung Hillary Clinton hinter Gitter wünscht: „Lock her up!“ Sperrt sie ein, antwortet die rasende Masse. Trump bringt die Wutbürgervolksseele gegen Minderheiten wie Latinos und Muslime und gegen das politische Washington schlechthin in Stellung.

Wohin das führen kann, zeigt ein Polizei-Zugriff jüngst in Kansas. Drei weiße Männer, bekennende Rassisten und Islam-Hasser, wurden dingfest gemacht, bevor sie Bombenanschläge auf ein Haus mit somalischen Einwanderern verüben wollten. Trump muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ihr Spiritus Rector zu sein.

Die Bereitschaft, sich einer Scheinwelt anzuschließen und Gelüsten nach Selbstjustiz zu frönen, kann zu einem bösen Erwachen führen, wenn Trump am 8. November von den Wählern vom Hof gejagt werden sollte.

Amerika muss dringend auf die rhetorische Entgiftungsstation. Angesagt ist nationales Selbstgespräch über die Zurückgewinnung von Wahrhaftigkeit und Zivilisiertheit.

„Anything goes“ geht nicht mehr. Eine Gesellschaft, die sich nicht auf eine gemeinsame Wirklichkeit einigen kann, hat keine Zukunft.