Meinung
Frankenfelds Welt

Es gab eine Zeit, in der wir alle schwarz waren

Thomas Frankenfeld

Thomas Frankenfeld

Foto: Andreas Laible / Hamburger Abendblatt / Andreas L

Anderssein nur wegen der Hautfarbe? Das täuscht. Die genetischen Unterschiede des Menschen sind gering.

Wer das Anderssein eines anderen Menschen nicht akzeptieren könne, der sei weit entfernt vom Weg der Weisheit, lautet ein altes Sprichwort aus China. Derzeit kommen viele Menschen zu uns, denen man das Anderssein schon an ihrer Hautfarbe ansieht. Ob sie wirklich so anders sind, so anders denken und fühlen als wir, ist eine andere Frage.

Die meisten Blonden außerhalb Europas leben auf den Salomonen-Inseln

Die genetische Vielfalt des Menschen scheint sehr groß zu sein – sieht doch ein blasshäutiger, rothaariger Ire so ganz anders aus als ein tiefschwarzer Sudanese, liegt die Durchschnittsgröße bei Männern des Pygmäen-Stammes der Efe in Zentralafrika bei nur 1,43 Metern, während es ein Niederländer auf gut 1,83 Meter bringt. Auf den Salomonen-Inseln westlich von Papua-Neuguinea leben die Menschen mit der dunkelsten Haut außerhalb von Afrika – und dabei mit den meisten Blondschöpfen außerhalb Europas. Doch diese scheinbare Vielfalt täuscht: Tatsächlich sind die genetischen Unterschiede zwischen den Menschen, evolutionsbiologisch betrachtet, äußerst gering. Die Übereinstimmung beträgt rund 99,9 Prozent. Die Unterschiede kamen durch Mutationen, aber auch durch den Einfluss unterschiedlicher Lebensräume zustande. Und sogar durch das Einkreuzen von Genen ausgestorbener Stammlinien des Menschen vor Zehntausenden Jahren. Noch heute tragen wir Europäer zwischen zweieinhalb und vier Prozent des Neandertaler-Genoms in uns, das Afrikanern fehlt, wie ein Wissenschaftler-Team um Svante Pääbo am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig herausfand. Der Neandertaler, dieser wuchtige, aber keineswegs plump-dumme Cousin von uns, beherrschte Europa 250.000 Jahre lang und starb vor etwa 30.000 Jahren aus. Wie neueste Forschungen ergaben, fanden sich auch in Neandertaler-Knochen fremde Gene – die des Homo sapiens nämlich.

Apropos dunkle Haut: Sie war bei unseren Vorfahren in Afrika der Normalfall, da sie besser vor der intensiven Sonneneinstrahlung schützte. Es gab also einmal eine Zeit, in der wir alle schwarz waren. Der Verlust der dunklen Pigmentierung bei uns hellhäutigen Europäern beruht übrigens auf der Mutation nur eines einzigen von 3,1 Milliarden Nukleotiden, also der Grundbausteine der DNS.

Genetische Vielfalt früher viel größer

Aber warum ist die genetische Variantenbreite so gering? Noch vor wenigen Zehntausend Jahren – ein Herzschlag nur in der Evolution – war sie viel größer, lebten mindestens vier verschiedene Menschenarten gleichzeitig: der Neandertaler in Europa, der ebenso kräftige Denisova-Mensch im sibirischen Altai-Gebirge (bis vor 40.000 Jahren), der nur einen Meter große Homo floresiensis auf der indonesischen Insel Flores (bis vor 60.000 Jahren) und wir, der Homo sapiens, den es erst seit knapp 200.000 Jahren gibt.

Nach einer Theorie des US-Anthropologen Stanley H. Ambrose, die von jüngsten Computersimulationen gestützt zu werden scheint, kam es nach dem gigantischen Ausbruch des Supervulkans Toba auf Sumatra vor 74.000 Jahren mit einer Explosionskraft von einer Milliarde Tonnen TNT (der Krater unter dem heutigen Tobasee ist 100 Kilometer lang und 30 Kilometer breit) zu einer globalen Abkühlung um bis zu 18 Grad Celsius. Das wäre allerdings ein ungeheurer Wert. Dieser Theorie nach kam es danach zu einem „genetischen Flaschenhals“, die Population des Homo sapiens in Afrika starb bis auf wenige Tausend Menschen aus, von denen wir alle abstammen. Daher die geringe genetische Variation.

Ein zweite gigantische Explosion vor rund 37.000 Jahren – des einzigen europäischen der weltweit 20 Supervulkane, unter den Phlegräischen Feldern am Westrand von Neapel – hat dann möglicherweise dem Neandertaler, der sich erheblich langsamer fortpflanzte als der moderne Mensch, den Rest gegeben. Dieser Supervulkan, der ohne lange Vorwarnzeit ausbrechen könnte, ist übrigens bis heute eine tödliche Bedrohung für Europa. Die 150 Quadratkilometer großen Phlegräischen Felder haben in zehn Kilometern Tiefe eine gemeinsame Magmakammer mit Europas gefährlichstem Vulkan, dem Vesuv, der Pompeji und etliche andere Städte 79 nach Christus vernichtete.