Meinung
Leitartikel

Was Angela Merkel fürchten muss

Bei der Bundestagswahl 2017 kommt es auf den Herausforderer an.

Wer behauptet, dass etablierte Parteien in diesen von Misstrauen, Unsicherheit und der AfD geprägten Zeiten keine Wahlen mehr gewinnen können, der lügt. Natürlich können sie das – wenn sie das richtige Personal haben. Spitzenkandidaten waren bei Wahlen schon immer von Bedeutung, so wichtig wie im Moment waren sie noch nie. Denn vereinfacht kann man sagen, dass die Mehrheit der Wähler aus zwei Teilen besteht: Der eine Teil geht aus Protest wählen. In Mecklenburg-Vorpommern profitierten davon früher die Linken, jetzt ist es die AfD. Schon kurios, wie ein bisher eher linkes Land nun stark nach rechts kippt – aber auch der Beweis dafür, dass es heute bei etlichen Wählern nicht um Programme geht, sondern allein darum, es denen da oben zu zeigen.

Das ist der eine Teil. Beim anderen Teil der Wähler haben die Parteien und die politischen Eliten zwar auch an Ansehen eingebüßt. Er macht seine Wahlentscheidung aber von dem politischen Kopf abhängig, der ihm vorgesetzt wird. Was mitunter zu erstaunlichen Ergebnissen führt. Obwohl die SPD seit Jahren im Bund kaum über die 20 Prozent kommt, erreichte Olaf Scholz in Hamburg fast die absolute Mehrheit. Obwohl die Grünen überall sonst maximal ein kleiner Koalitionspartner sind, darf Winfried Kretschmann weiter in Baden-Württemberg regieren.

Parteitage, Programme, Richtlinien sind für die innerparteiliche Willens­bildung wichtig. Entscheidend für den politischen Erfolg ist die Stärke des jeweiligen politischen Kopfes. Umgekehrt kann dessen Schwäche dramatische Folgen für eine Partei haben. Wer wüsste das besser als Angela Merkel, die bis vor einem Jahr unangreifbare, unschlagbare Kanzlerin. Sie hat in ihrer langen Amtszeit keine Schwäche gezeigt, wenig Fehler gemacht und eisern ihre politische Linie verfolgt: ruhig bleiben, aussitzen. Bis, ja, bis zu diesem „Wir schaffen das“.

Es geht gar nicht darum, ob die Entscheidung der Kanzlerin, ob dieses „Wir schaffen das“ richtig oder falsch war. Es geht auch nicht darum, wie die Lage der Flüchtlingskrise im Moment tatsächlich ist, und um die Lage des Landes insgesamt geht es erst recht nicht – die ist nämlich nach wie vor sehr gut, übrigens auch in Meck-Pomm. Nein, es geht darum, dass bei vielen Menschen der Eindruck entstanden ist, die Kanzlerin habe die Situation nicht mehr im Griff.

Das Vertrauen in ihre souveräne Führungsstärke war in der Vergangenheit Merkels große Stärke, Stichwort: Euro-Krise. Die Kanzlerin will es nun zurückgewinnen, hat sie in der vergangenen Woche gesagt. Möglich, dass ihr das bis zur nächsten Bundestagswahl gelingt. Aber auch möglich, dass die Ära der ersten Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sich dem Ende nähert. Ob Merkel noch einmal gewählt wird, hängt dabei nicht davon ab, ob sich SPD, Grüne und Linke zusammentun und bundesweit Rot-Rot-Grün Wirklichkeit werden lassen. Nein, es hängt einzig und allein davon ab, wen die SPD als Gegenkandidaten aufstellt.

Ein führender Sozialdemokrat hat vor Kurzem auf die Frage, mit welchen Themen seine Partei aus dem schier endlosen Umfragetief herauskommen soll, geantwortet: „Das ist doch ganz einfach. Wir brauchen nur den richtigen Kandidaten.“

Der Mann hat recht, und die Angeschlagenheit der Kanzlerin wird der Suche der SPD nach dem oder der Richtigen massiv Auftrieb geben. Merkels erste große Schwäche könnte dazu führen, dass sich bei den Sozialdemokraten 2017 doch noch Männer oder Frauen in die erste Reihe trauen, die sich bisher hinter dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel verstecken. Es wird spannend.