Meinung
Meinung

Wie, bitte, wird man YouTube-Millionär?

Da fährst du einmal ohne Kinder weg, und schon schiebt dein jüngster Sohn seine Internet-Karriere an

Wir sind eine kommunikationsfreudige Familie. Alle reden, und ich höre zu. Nach Jahren passiver Redezeit habe ich hilfreiche Reflexe entwickelt, mit dem Ohrengewitter umzugehen. Traumwandlerisch sicher lasse ich ein interessiertes „Aha“, das affirmative „Hmm“ oder wohldosiert das erstaunte „Ach nee“ in den Redefluss plumpsen, wie eine Boje, damit mein Gesprächspartner in der Fahrrinne seiner Gedanken bleibt und nicht auf die Idee kommt, einen Dialog zu beginnen. Ich weiß ja gar nicht, worum es geht. So ist allen Seiten gedient: Das Mitteilungs­bedürfnis ist gestillt, und mein rarer Hirnspeicherplatz bleibt frei.

Derzeit überzieht mich Hans mit einem Redeschwall, wie ihn nicht einmal Fidel Castro hinbekommen hat. Der junge Mann filibustert über „Texture Packs“, das „Konvertieren von Zip-Dateien“ und seinen aktuellen „FPS-Wert“. Es geht um „Seeds“, um „Mods und Shader“ und „PvP-Strategien“. Die Hacks sind der Hammer, Alter. LOL. Ich sage „hmm“ und „ach nee“, und Hans redet weiter. Ja, ich sollte mich mehr für diese Themen interessieren. Nennt mich einen Rabenvater, aber ich schaffe es nicht. Die Geschichte wird mich freisprechen wie bei Playmobil, Lego, Fußballkarten. Das Minecraft-Fieber wird eines Tages abgeklungen sein. Erziehung ist Ausdauersport – Warten gewinnt.

Es begann damit, dass die Chefin und ich im Sommer ein paar Tage allein verreist waren. Karl, der Große, durfte auf seinen kleinen Bruder aufpassen. „Ein gewaltiger Vertrauensbeweis“, hatte ich feierlich gesagt, den Kühlschrank gefüllt und zur Freude des Pizza-Lieferdienstes einiges an Bargeld hinterlassen. Das Programm der elternfreien Tage war minutiös besprochen: Freibad, Skateboard, Vokabeln wiederholen, wohldosierter Fernsehkonsum, keine Partys mit Facebook-Einladung, Bettruhe gegen Mitternacht. Sicherheitshalber hatte ich den Feuerlöscher aus dem Auto in die Küche gestellt, die Nachbarn vorgewarnt wegen möglicher seltsamer Geräusche und das Desinfektionsspray im Kühlschrank platziert, neben dem Ketchup. Da wird es garantiert gefunden. Unsere gespielt lässigen Anrufe wurden recht einsilbig beantwortet, immerhin waren im Hintergrund keine Polizeisirenen zu hören.

Zurück daheim stellten wir fest, dass unser großer Sohn seinen Erziehungsauftrag sehr liberal interpretiert hatte. Die Weiterbildung von Hans war offensichtlich vor allem per Computer erfolgt. Das Berufsziel des Elfjährigen lautete nun: „YouTuber“. Sein Pizzageld hatte er gespart, weil er sich einen „ordentlichen“ Rechner anzuschaffen gedachte. Hansens Idole heißen jetzt nicht mehr Papa, sondern „ConCrafter“, „Die Buddieszocken“ oder „Abgegrieft“; wohlfrisierte Teens, die handyproduzierte Shows präsentieren, mit beeindruckenden Klickraten. Hat Julian Draxler die Schule nicht auch mit 17 verlassen, ohne Abschluss? Genau das ist das Problem: Millionen wollen Draxler werden, aber nur einer wird tatsächlich Millionär.

Bis YouTuben Schulfach ist, beauftragte mich die Chefin, die digitale Karriere zu managen. Aber wo erfährt man, wie der Ausbildungsweg eines YouTubers verläuft? Klar, auf YouTube. Interessant, wie viele Anbieter mit wenigen Hundert Followern dort in gebührenpflichtigen Lehrfilmchen erklären, wie man YouTuber mit vielen Tausend Followern wird. Wie bei den Schnäppchen im TV-Shopping: Wäre die Ware wirklich fast geschenkt, warum kauft sie der Moderator nicht einfach selbst?

Ich ersuche bei einem befreundeten Vater älterer Söhne um Telefonseelsorge. „Ach, die Minecraft-Phase ...“ – kehliges Lachen – „... dauert höchstens noch ein Jahr.“ Toller Trost. Solange werden wir jedenfalls nicht mehr allein in Urlaub fahren.