Meinung
Frankenfelds Welt

Sehnsucht nach dem starken Mann

Der Verfasser ist Chefautor des Hamburger Abendblatts

Der Verfasser ist Chefautor des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Auch in westlichen Ländern schlägt die Stunde der Demagogen. Wer sie wählt, ahnt oft nicht, was er damit anrichtet

Die Demokratie sei die schlechteste Regierungsform, meinte einst der britische Kriegspremier Winston Churchill. Um dann listig hinzuzufügen: „Abgesehen von allen anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

Unsere Demokratie – das griechische Wort bedeutet Herrschaft des Volkes – hat den unschätzbaren Vorteil, jedem Bürger unabhängig von Geschlecht, Rasse, Religion oder Lebensanschauung qua Wahlvorgang einen gleichen Anteil an der politischen Repräsentation zu bieten. Wenn einer demokratischen Gesellschaftsordnung zudem das Element des Pluralismus innewohnt, dass also die ganze Vielfalt der gesellschaftlichen Kräfte berücksichtigt wird, dann ist Demokratie in der Tat ein äußerst schwieriges, oft zähes Geschäft.

Kompromisse, Proporze und politisches Geschacher sind die zwangsläufige Folge – und damit kann es zu Pattsituationen, Lähmungen und/oder sogar zeitweiligem Stillstand kommen. Kompliziert wird die Lage obendrein durch jenen weltweiten Prozess, den man Globalisierung nennt und der gewohnte ökonomische und gesellschaftliche Strukturen zerschlägt. Als Reaktion auf die allgemeine Unübersichtlichkeit wächst weltweit wieder die Sehnsucht nach dem starken Mann, dem Strongman, wie er im internationalen Polit-sprech heißt. Nach jemandem also, der den gordischen Knoten der einengenden Gesetze und Verordnungen, der Konventionen und politischen Korrektheiten nicht mühsam aufzuknüpfen versucht, sondern ihn kurzerhand durchschlägt. Dem Bürger soll damit das Gefühl gegeben werden, er sei endlich politisch in guten Händen. Doch dies ist zumeist ein folgenschwerer Irrtum.

Den Extremfall des Strongman kann man sich gerade auf den Philippinen ansehen. Dort hat Präsident Rodrigo Duterte noch am Tag seines Amtsantritts am 30. Juni zur Ermordung von Kriminellen und Drogendealern aufgerufen – um die Ursachen der Kriminalität schert er sich nicht. Allein im Juli und August wurden mehr als 2000 Dealer und Süchtige getötet. Todesschwadronen knallen Verdächtige einfach ab; aus Todesangst stellten sich rund 600.000 Menschen den Behörden. Die Philippinen leiden seit Langem unter Korruption, Kriminalität und islamistischem Terror.

Die Umtriebe eines anderen Strongman, des neuen Zaren Wladimir Putin, stoßen sogar bei vielen Deutschen auf Sympathie. Und das, obwohl Putin mit seiner „gelenkten Demokratie“ Presse- und Meinungsfreiheit ausgehebelt, die Opposition kaltgestellt und mit der Annektion der Krim internationale Verträge gebrochen hat.

In der Türkei installiert Präsident Recep Tayyip Erdogan ein intolerantes, autoritäres und islamistisches Regime – und weiß, wie Putin in Russland, dabei die Mehrheit der Bürger hinter sich. In Ägypten regiert General Abdel Fatah al-Sisi mit Brutalität, als habe es den Arabischen Frühling nie gegeben. In Indien herrscht Premier Narendra Modi mit eiserner Härte. In Ungarn schränkt Viktor Orban Menschenrechte und Pluralismus immer mehr ein, und auch in Polen gibt es repressive Entwicklungen. Selbst in den USA, einem Ursprungsland der modernen Demokratie, vermag mit dem schillernden Egomanen Donald Trump ein Mann politisch zu reüssieren, der foltern und Familienmitglieder von Terroristen töten lassen will und der ganz offen fragt, warum man Atomwaffen denn nicht gegen die Feinde Amerikas einsetzen soll.

Bereits 2011 ergab eine Studie der Universität Bielefeld, dass sich fast ein Drittel der Deutschen, mehr als 40 Prozent der Franzosen und Briten sowie mehr als 60 Prozent der Polen und Portugiesen einen „starken Mann“ an der Staatsspitze wünschen. Dahinter steckt zumeist das Gefühl, von der traditionellen Politik nicht mehr verstanden und ernst genommen zu werden sowie einer diffusen Elite ausgeliefert zu sein, in deren Händen sich die wirtschaftliche und politische Macht konzentriert. Mancher Politologe sieht ein Zeitalter der Strongmen heraufdämmern – auch im Westen. Dass solche Führer mit ihren brachialen Maßnahmen langfristig mehr Probleme schaffen als lösen, dämmert ihren Anhängern meist viel zu spät.