Meinung
Kommentar

Die Türkei entfernt sich immer weiter

Gerd Höhler

Gerd Höhler

Foto: Dirk Hoppe/Netzhaut

Die gegen Kurden gerichtete Bodenoffensive macht den Staat zum Problempartner

US-Vizepräsident Joe Biden dürfte inzwischen klar geworden sein, wie ernst es der Türkei mit der Forderung nach einer Auslieferung des in den USA lebenden Exil-Predigers Fethullah Gülen ist, den Erdogan für den Putschversuch vom 15. Juli verantwortlich macht. Doch nicht nur die Causa Gülen belastet das Verhältnis der Türkei zu den USA. Ein Schatten fällt auf die Beziehungen zu Europa. In der Türkei ist der Eindruck entstanden, als sei die Empörung des Westens über Erdogans „Säuberungen“ größer als das Entsetzen über den Putschversuch mit fast 300 Toten.

Noch in der Putschnacht rief hingegen Kremlchef Putin bei Erdogan an und sicherte ihm die Unterstützung Russlands zu. Jetzt sprechen Erdogan und Putin über eine militärische Zusammenarbeit. Verliert der Westen die Türkei? Richtig ist: Für Europa und die USA ist das Land als Stabilitätsanker an der Schwelle zum chaotischen Nahen Osten wichtiger denn je. Richtig ist auch: Diese Rolle kann die Türkei nur wahrnehmen, wenn sie ihre demokratischen Institutionen stärkt. Denn nicht nur der Westen braucht die Türkei – sondern auch umgekehrt. Das gilt vor allem im Kampf gegen die IS-Terrormiliz.

Wenige Stunden vor Bidens Ankunft in Ankara startete die Türkei ihre bisher massivste Militäroffensive. Die Operation demonstriert, welch wichtige Rolle die Türkei in der Anti-IS-Allianz spielen kann. Doch Erdogan richtet seine Panzer nicht in erster Linie gegen den IS, sondern gegen die syrischen Kurdenmilizen, die wichtige Verbündete der USA im Kampf gegen die Dschihadisten sind. Erdogans Strategie ist hingegen vor allem darauf gerichtet, die kurdischen Autonomiebestrebungen zu durchkreuzen. Das macht die Türkei für die USA und Europa zu einem problematischen Partner.