Meinung
Gastbeitrag

Wir sollten uns von Olympia verabschieden

Der Autor ist 
Professor für Kinder- und 
Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum (UKE) Hamburg

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Der Autor ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum (UKE) Hamburg

Warum die Idee von Wettkämpfen im Namen einer Nation am Ende ist – ein Plädoyer für Weicheier

Die olympische Idee fasziniert Sportler ebenso wie die Zuschauer der Olympischen Spiele. Gerade noch hatte uns Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider in einem Leitartikel erklärt, warum Olympia wichtig und richtig für uns ist. Nun hat Andreas Toba, der deutsche Held von Rio, alle Herzen dadurch erobert, dass er trotz einer schweren Knieverletzung weitergeturnt und uns allen gezeigt hat, dass er kein "Weichei" ist. Mit welchem Überlebenswillen er seine eigene Gesundheit dem Teamgeist unterordnet, ist bewundernswert. Voller Mitgefühl und mit Tränen in den Augen verfolgen wir seinen Kampf gegen die Schmerzen und für sein Ideal. Unsere Bewunderung scheint keine Grenzen zu kennen.

Aber stimmt das? Ist es wirklich so bewundernswert, wenn ein Sportler seine eigene Gesundheit massiv schädigt, um sein Team nicht im Stich zu lassen? Als Arzt könnte ich in diesem Fall auch eine massive Selbstschädigung und ein masochistisches Verhalten diagnosti­zieren.

Als Kinder- und Jugendpsychiater erlebe ich, wie einmal mehr unseren Jungen ein überholtes selbstschädigendes männliches Ideal vorgelebt und eine Härte idealisiert wird, in deren Namen schon immer viel Schädliches entstanden ist.

Als wir Bürger von Hamburg aufgerufen waren, zu der Frage der Olympiabewerbung der Hansestadt Stellung zu nehmen, habe ich mich schweren Herzens gegen die wirtschaftlichen Interessen der Stadt gestellt, nicht weil mir die Wirtschaft dieser Stadt nicht wichtig ist, sondern weil die olympische Idee nach meiner Einschätzung nicht mehr funktioniert.

Glaubt wirklich heutzutage irgendjemand, dass Differenzen von Hundertstelsekunden zwischen den jeweils zehn weltbesten Sportlerinnen und Sportlern einen Unterschied machen? Glaubt wirklich heutzutage irgendjemand, dass der Anspruch, die körperlichen Leistungen weiterhin beständig zu steigern, ohne medizinische und pharmakologische Eingriffe möglich ist? Glaubt wirklich heutzutage irgendjemand, dass der internationale Sport ohne korrumpierte Verflechtungen von Wirtschaft und Sport, von Politik und Sport und von geld- und machtgierigen einzelnen Menschen und Sport möglich ist? Was aber bleibt dann von Olympia noch übrig?

Warum reicht es nicht zum sportlichen Heldentum, wenn man alles gibt und nach einer schweren Verletzung ausscheidet? Warum peitschen wir unsere Sportler immer bis zum Letzten an?

Sportliche Wettkämpfe im Namen einer Nation sind Wettkämpfe für die Seele des Volkes. Wir dürfen, ja, wir müssen ohne Schaden für andere nationalistisch sein, wir dürfen unsere Helden feiern, wir dürfen uns identifizieren und gegen andere sein.

Wir dürfen aber auch andere, fremde Helden feiern, weil es die olympische Idee als völkerverbindende Veranstaltung auch ermöglicht, sich nationenübergreifend zu engagieren. An dieser friedlichen Auseinandersetzung von Menschen, von Kulturen und Völkern ist nichts auszusetzen. Im Gegenteil, wir sollten alles daran setzen, damit diese Form des Kampfes möglich bleibt und weiter kultiviert wird. Wettkampf und Konkurrenz und Frieden sind ein verlockendes, ein zukunftsträchtiges Ziel, gerade in unserer heutigen Zeit.

Wenn wir das wollen, müssen wir dringend über die Form solcher Wettkämpfe nachdenken. Warum ist es nicht möglich, Leistungs-Cluster zu bilden, die dann jeweils von mehreren Sportlern erreicht werden können, und es mehrere Gold-, Silber- und Bronzemedaillen gibt? Sind wir psychisch immer noch nicht so weit, dass wir gleiche Leistungen honorieren und uns trotzdem darüber freuen können, dass "unser Sportler", "unsere Sportlerin" gleichauf mit anderen ist? Wären zwei oder gar drei Goldmedaillen in einem Wettkampf tatsächlich weniger wert?

Andreas Toba ist zum Sinnbild einer verletzten und überanstrengten olympischen Idee geworden. Wir sollten den Mut haben, uns davon zu verabschieden und etwas Neues, Gesünderes für uns alle schaffen. Unserer Seele würde es gut tun.

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