Meinung
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Tempus, Tempora, Tempi und noch einiges mehr

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser, 74, ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Ein Überblick über eigentlich völlig überflüssige Plurale. Wenigstens die Kommas sind jetzt eingedeutscht.

Tausendmal berührt, tausendmal ist nix passiert – doch halt! Dieser Einstieg ist missverständlich. Er könnte Sie in einen Zusammenhang locken, in dem ich mich keinesfalls und schon gar nicht als 75-Jähriger präsentieren will. Ich muss also neu anfangen: Unzählige Male habe ich in meinem Leben den Plural von Tempus, der Zeitform des Verbs, richtig als Tempora gebildet. Doch vor einer Woche muss ich einen Sekunden-Blackout gehabt haben und schrieb in meiner Kolumne „Tempi“. Es ist die Krux eines Journalisten und noch mehr eines Live-Reporters, dass er einmal Gesprochenes und Gedrucktes nicht zurückholen kann.

Ich erwartete einen Proteststurm, der allerdings sehr gemäßigt ausfiel. Entweder glauben mir die Leser jeden Blödsinn, oder die Kenntnis der fachsprachlichen Plurale ist doch nicht so ausgeprägt, wie man annehmen möchte. Einem Altphilologen war bei der Lektüre meiner „Deutschstunde“ an besagter Stelle irgendetwas im Halse stecken geblieben, und eine Fachreferentin des Amtes für Bildung der Freien und Hansestadt frischte mein großes Latinum auf, was mich zu der beruhigenden Überzeugung brachte, dass trotz der Abiturientenschwemme in Hamburg weiterhin großer Wert auf die lateinische Pluralbildung gelegt wird.

Um von meiner Reputation zu retten, was noch zu retten ist, sei mein Fehler in aller Form und mit Aplomb berichtigt. Es heißt das Tempus, des Tempus, die Tempora (Zeitform des Verbs). Das Dumme dabei ist nur, dass der Plural Tempi im anderen Zusammenhang nicht falsch ist. Dafür müssen wir ins Italienische umschalten und stoßen auf das Tempo für das musikalische Zeitmaß: Der Dirigent nahm die Tempi zu rasch.

Eigentlich möchte ich Ihnen die Plurale der sprachwissenschaftlichen Fachbegriffe gar nicht zumuten – aber wenn wir gerade dabei sind … Das Genus, das grammatische Geschlecht der Nomen, hat den ähnlichen Plural die Genera. Bei der Handlungsrichtung des Verbs (Aktiv, Passiv) sprechen wir hingegen von dem Genus Verbi. Nur das Genus genehmigt sich davon einen Plural, Verbi („des Verbs“, Genitiv) bleibt im Singular: die Genera Verbi. Da lat. verbum ein Substantiv ist, wird es auch als deutsches Fremdwort so eingestuft und großgeschrieben.

Bei dem Modus, der Aussageweise des Verbs (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ), finden wir dagegen einen i-Plural: die Modi. Das Gleiche gilt für den Numerus (Zahlform; Singular, Plural): die Numeri. Hierbei ist zu beachten, dass sich die Nummer und nummerieren zwar mit Doppel-m schreiben, der Numerus jedoch nur mit einem. Beim Numerus clausus (zahlenmäßig beschränkte Zulassung) handelt es sich bei lat. clausus um ein adjektivisches 2. Partizip, und deshalb wird es als Partizip auch im deutschen Fremdwort kleingeschrieben.

Ein interessanter Fall ist der Fachbegriff für den Beugungsfall (Genitiv, Dativ usw.), der nämlich der Kasus lautet, scheinbar unverändert auch im Plural: die Kasus. Das gilt aber nur, wenn Sie den Plural schreiben. Falls Sie ihn aussprechen, müssen Sie das u der letzten Silbe ganz lang ziehen: die Kasūs […suus]. Recht verzwickt wird es, wenn wir es mit einem Singularetantum (Substantiv, das nur im Singular vorkommt) zu tun haben. Der Plural lautet die Singulariatantum (lat. tantum „nur“).

Bei der Eindeutschung solcher an einen Elfenbeinturm erinnernden Fachbegriffe hat es immerhin einige Fortschritte gegeben. Mussten wir früher „Kommata“ für die Mehrzahl der bekannten Beistriche sagen, so heißt es heute – auch fachsprachlich – nur noch die Kommas. Wir sprechen jetzt auch von den Pronomen (statt: Pronomina) oder den Substantiven (statt: Substantiva), aber noch von den Adverbien. Übrigens ist auch das Adjektiv „grammatikalisch“ veraltet. In der Sprachwissenschaft heißt es nun grammatisch.

Noch ein Wort zum Pluralis Majestatis („Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser“). Auch ich habe in dieser Kolumne mehrmals das Pronomen „wir“ gebraucht. Doch dabei handelt es sich um den Pluralis Modestiae, den sogenannten Autorenplural oder Plural der Bescheidenheit. Insofern darf ich mich in aller Bescheidenheit für heute verabschieden.

deutschstunde@t-online.de