Meinung
Leitartikel

Der Fußball droht an Übersättigung zu ersticken

Das Spiel ist aus. Deutschland verliert, und es tut nicht einmal besonders weh. Denn das Interesse der Fans kennt Grenzen.

Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland verliert, und es tut nicht einmal besonders weh. Können wir als amtierender Weltmeister plötzlich entspannter mit Niederlagen umgehen? Hat uns die Art und Weise des Ausscheidens versöhnt – die deutsche Elf hat gut gespielt, am Ende fehlten in einem großen Spiel Glück und ein Knipser? Vielleicht.

Vermutlich aber gibt es noch einen anderen Grund, warum trotz laufenden Turniers schon die Fahnen eingerollt, die Schminke abgewaschen und Schland-Shirts im Keller verstaut sind. Warum die Fanmeilen sich leeren, Fan­utensilien schon lange auf Grabbeltischen verhökert werden und Sportgeschäfte klagen, Deutschland-Trikots lägen wie Blei in den Regalen.

Wir sind übersättigt.

Der Fußball, dieses wunderbare Spiel, leidet unter seiner Omnipräsenz. Die Idee, 24 Mannschaften bei der EM auflaufen zu lassen, ist mittelfristig keine Belebung für den Fußball, sondern eher Sterbehilfe. Bis 1992 waren die Europameisterschaften Turniere mit acht Mannschaften, nach zweieinhalb packenden Wochen wurden Spieler wie Fans in die Ferien entlassen. 1996 dauerte das Turnier dann 24 Tage, weil 16 Länder mitkickten. Und nun wurde daraus ein WM-Double mit 24 Mannschaften in 31 Tagen. Dank der Aufstockung durften sogar Drittplatzierte der Qualifikation wie die Türkei, Ungarn, Ukraine, Slowakei oder Schweden mittun. Abgesehen für die Fans dieser Länder waren sie keine Bereicherung. Erschwerend kommt hinzu, dass schon die Qualifikation eher einer Weltreise gleicht denn einem Länderspiel: 53 Mannschaften sind dabei, mit Verlaub Witzstaaten wie San Marino, Andorra, Gibraltar oder eben Länder, die vermutlich nur Uefa-Funktionäre für europäisch halten. Aserbaidschan, Armenien, Kasachstan. Letzteres grenzt übrigens an China.

Auch für die Fußballspieler ist dieser Turnierzirkus des Guten zu viel. Sie sind durch die Aufblähung des internationalen Wettbewerbe über die Grenzen ihrer körperlichen Gesundheit gefordert. Neben den Klassikern von DFB-Pokal und Bundes­liga sind Euroleague und Champions League durch überdimensionierte Gruppenphasen aus dem Ruder gelaufen. Und weil nicht einmal im Sommer der Ball ruhen darf: 2017 steigt zwischen dem 15. Juni und dem 2. Juli der Fifa-Konföderationen-Pokal in Russland. Da darf man sich nicht wundern, dass viele Spitzenspieler schon mit 30 ausgelaugt sind. Lothar Matthäus hat noch mit 39 Jahren eine EM gespielt. Sepp Herberger wollte sogar den damals 41-jährigen Fritz Walter mit zur WM 1962 nach Chile nehmen. Man stelle sich vor, Bastian Schwein­steiger müsse noch bei der EM 2024 auflaufen oder gar bei der WM 2026 antreten! Unvorstellbar.

Es ist kein Wunder, dass diese Europameisterschaft darunter litt, dass viele Fußballer überspielt wirkten und die Erwartungen enttäuschten. Thomas Müller ist nur ein Beispiel für diese müden Stars. Auch uns Fans beschleicht ein Thomas-Müller-Gefühl. Überspielt. Müde. Erschöpft. Es ist zu viel. Kein Tag im deutschen Fernsehen vergeht ohne Fußball. Der Spieltag, in seligen Zeiten noch untrennbar mit der Uhrzeit 15.30 verbunden, zerfasert und verteilt sich auf das ganze Wochenende – und ab 2017/18 auch auf den Montag. Da kickt schon seit Jahren das Unterhaus. Am Dienstag und Mittwoch messen sich die europäischen Spitzenmannschaften in der Champions-League, der Donnerstag gehört der Euroleague. Am Freitag ist dann wieder Bundesliga.

Die Fans halten viel aus und bringen Ausdauer mit. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, lautet ein altes Sprichwort, an das man sich wieder erinnern sollte. Sonst droht der Fußball an Übersättigung zu ersticken. Bei dieser EM haben viele Fans gespürt, dass sie nicht mehr können oder nicht mehr wollen. Und in nicht einmal vier Wochen startet schon wieder die Zweite Bundesliga.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Früher war das ein Trost nach jeder Niederlage. Ein Versprechen. Inzwischen klingt es fast wie eine Drohung.