Meinung
Kommentar

Der Brexit ist eine vierfach schlechte Nachricht

Die Turbulenzen an den Devisenmärkten zeigen es bereits – die Wirtschaft wird leiden, der freie Warenaustausch gerät in Gefahr.

Sie haben es wirklich getan. Und damit wachen wir heute Morgen in einer anderen Welt auf, als in der wir gestern schlafen gingen. Die Briten haben sich für den Ausstieg aus Europa, für den Brexit entschieden.

Das ist eine vierfach schlechte Nachricht – für Hamburg, Deutschland, Europa und die Briten selbst. Die Turbulenzen an den Devisenmärkten zeigen es bereits – die Wirtschaft wird leiden, der freie Warenaustausch gerät in Gefahr. Im vergangenen Jahr war das Vereinigte Königreich für Hamburg der drittwichtigste Handelspartner, allein das zeigt, was wir verlieren können. Zudem sind 50 Prozent der Wirtschaft Psychologie, und die ist nun richtig schlecht.

Deutschlands Einfluss in Europa wird leiden. Mit den Briten gehen ausgerechnet die Verfechter eines marktwirtschaftlichen Denkens in der Union; die südeuropäischen Länder, die stets an den Staat und Umverteilung glauben, werden an Gewicht gewinnen. Das treibt einen weiteren Keil zwischen den Norden und den Süden – mit ungewissem Ausgang. Und auch Great Britain könnte bald ziemlich Small sein. Ob sich Schotten und Nordiren langfristig noch im Vereinigten Königreich wohlfühlen, ist mehr als fraglich.

Die Briten sind einer Lebenslüge der Nationalisten aufgesessen: Sie suggerierten den Menschen, die heutigen Probleme mittels einer Flucht in die Vergangenheit zu lösen. Die vermeintlich gute alte Zeit der 60er- oder 70er-Jahre soll wiederentstehen, als die Welt noch enge Grenzen kannte. Aber dies ist in einer Zeit der Globalisierung, der Entgrenzung weltfremd. Die Herausforderungen von heute – Terror, Demografie, Finanzkrise, Flüchtlingsnot, Klimawandel, Digitalisierung – wird man nicht lösen, indem man Schlagbäume herunterlässt, Mauern hochzieht und sich abschottet. Die Europa-Gegner haben unrecht.

Europa muss sich nach diesem Donnerschlag auf der Insel innehalten. Es gehört zur Wahrheit, dass sich die Union in ihrer Expansion überdehnt hat, die Idee wirkt ausgeleiert. Und sie hat beim Integrationstempo viele Menschen überfordert. Der Euro war stets ein gutes politisches Projekt, ökonomisch aber war es angesichts gigantischer Unterschiede in den Volkswirtschaften tollkühn. Die Menschen fremdeln mit Brüssel.

Das Projekt einer schmalen Elite muss endlich wieder eine Mission der Millionen werden. Eine rasche Vertiefung als Konsequenz aus dem britischen Nein wäre kontraproduktiv. Wir brauchen nicht mehr Europa, sondern zunächst ein besseres Europa. Europa wird nicht als Superstaat gelingen, sondern als Bündnis souveräner Länder. Solidarität miteinander, aber auch Konkurrenz untereinander, Unterschiedlichkeit, aber der Wille zum Kompromiss beleben den Kontinent.

Nationale Alleingänge, wie etwa Angela Merkels Flüchtlingspolitik oder Energiewende führen in eine Sackgasse. Europa darf nicht länger eine Nebensache sein, sondern muss zur Hauptsache werden.. Wir benötigen die besten Leute in Brüssel, nicht abgehalfterte Altpolitiker. Wir müssen erkennen, was Europa uns bereits gebracht hat. Wir brauchen nicht mehr Europa, sondern ein besseres Europa. Wir müssen erkennen, was es uns bereits gebracht hat.

Wir müssen Macht an die Union der bald 27 delegieren, aber zugleich auch Grenzen definieren, was zukünftig besser vor Ort entschieden werden kann. Wir müssen gemeinsam eine Zukunftsagenda erarbeiten, eine Zukunftswerkstatt in allen verbleibenden 27 Ländern. Europa braucht eine leidenschaftliche Debatte, Europa bedarf einer Demokratisierung. Nur dann wird der Neustart gelingen.