Meinung
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Scheinfrieden der Union

CDU und CSU wollen ihr Zerwürfnis kitten, ohne zentrale Streitfragen zu klären

Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um die frohe Botschaft der Union an diesem Wochenende vorherzusagen: CDU und CSU begraben angeblich bei einer Klausur ihren Zwist und gehen in Harmonie die großen Themen der Zukunft an – Europa, Digitalisierung und solche Sachen. Die Einigkeit wäre mal was Neues nach dem zermürbenden Dauerkrach in der Union, der mit der Flüchtlingskrise ausgebrochen ist.

Aber kann man die Nachricht von der Versöhnung der zerstrittenen Schwestern auch glauben?

Eher nicht. CDU und CSU planen die Friedensinszenierung auf schwankendem Boden: Der zentrale Konflikt, der Flüchtlingsstreit und die dahinter liegende Richtungsfrage, soll nämlich mangels Einigkeit lieber ausgeklammert werden. Weniger Einsicht und Verständigung, eher die pure Not lässt CDU und CSU in der Öffentlichkeit wieder näher zusammenrücken.

Mag sein, dass der Ton nun wieder sanfter wird. Aber der Riss in der Union bleibt, er ist so groß wie nie. Das Vertrauen zwischen Seehofer und Merkel ist in der Flüchtlingskrise restlos zerstört worden. Seehofer glaubt, Merkel wolle insgeheim ein anderes Land. Auf der persönlichen Ebene geht es jetzt viel um Rechthaberei. Aber Seehofer hat nur deshalb so große Resonanz in seiner Partei und in Teilen der CDU, weil dahinter eine grundsätzliche Frage liegt, die sich in der Flüchtlingskrise zuspitzte: Wie konservativ ist die Union?

Aus CSU-Sicht ist Merkel mit der CDU zu weit nach links gerückt. Damit sei jene Flanke frei geworden, in die nun die AfD gestoßen ist. Dieser Konflikt bleibt ungeklärt. In Sachfragen mögen sich CDU und CSU jetzt wieder zusammenfinden – aber es wird lange dauern, bis sie als Union wieder gemeinsam überzeugen können.

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