Meinung
Frankenfelds Welt

Die Türkei und das „Sèvres-Syndrom“

Der Verfasser ist Chefautor des Hamburger Abendblatts

Der Verfasser ist Chefautor des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Der türkische Nationalismus gründet nicht zuletzt in der Angst vor einer weiteren Erosion des Staatsgebiets.

Die dramatische Verschlechterung in den Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei wiegt umso schwerer, als dass Nato-Mitglied Türkei Alliierter und zudem Sicherheitspartner der Bundesregierung in der Flüchtlingskrise ist.

Die Eskalation ausgelöst hatte bekanntlich die Armenien-Resolution des Bundestages mit der Erwähnung des Reizwortes „Völkermord“. Kaum ein seriöser Historiker bezweifelt, dass die gezielte Vernichtung der Armenier durch die türkischen Osmanen in Massakern und Todesmärschen in den Jahren 1915 und 1916 den Tatbestand des Genozids erfüllt. Das Gepolter des Autokraten Recep Tayyip Erdogan Richtung Berlin scheint eine ungebeugte Kraft der Türkei widerzuspiegeln. Doch dieser Schein trügt. Ob es um Kurden oder Armenier geht – bei türkischen Nationalisten herrscht traditionell die Angst vor, jeder Kompromiss könne die Einheit der Republik gefährden. Erdogan hat in der Türkei eine Atmosphäre der Angst geschaffen, doch die Ursachen für die Empfindlichkeit reichen viel tiefer.

Es gibt einen überhitzten Nationalismus in der Türkei. Der rechtsextreme Offizier und Politiker Alparslan Türkes (1917–1997), der dreimal Staatsminister und stellvertretender Ministerpräsident der Türkei war und die paramilitärische Miliz der „Grauen Wölfe“ gründete, hatte in seinem Buch „Milli Doktrin“ das nationalistische Ideal des „Türkentums“ auf die Spitze getrieben. Er schrieb, die Türken seien derart hochstehend, dass sie mit keinem anderen Volk zu vergleichen seien. An anderer Stelle schrieb Türkes, die türkische Nation sei die „angesehenste Familie der Menschheit“. Nun kann man diese Äußerungen ganz gewiss nicht als beispielhaft für die Politik in der Türkei werten. Und Erdogan ist kein Faschist, doch auch er fördert einen sehr starken Nationalismus. Jedes Eingeständnis, die türkische Nation sei schuldig an einem Völkermord, wäre eine Katastrophe für die kritiklose Selbstbespiegelung der Nation.

Der Grund dafür, dass sich viele Türken in einer nationalistischen Wagenburgmentalität eingeigelt haben, liegt nicht zuletzt im „Sèvres-Syndrom“ der Türkei. Im Vertrag von Sèvres, einem Vorort von Paris, wurde das nach dem Ersten Weltkrieg kollabierte Osmanische Reich 1920 kurzerhand zwischen Armenien, Griechenland, Frankreich und Italien aufgeteilt. Der Vertrag wurde jedoch nie umgesetzt, weil sich General Mustafa Kemal „Atatürk“, später Gründer der modernen Türkei, militärisch gegen Armenier und Griechen durchsetzte. Der Vertrag von Lausanne 1923 zog dann die heute für die Türkei und Griechenland geltenden Grenzen.

Doch der Schock saß tief, von der westlichen Staatengemeinschaft vertraglich von einem einst mächtigen Großreich auf ein vergleichsweise kleines Gebiet reduziert worden zu sein. Die extrem harten Bedingungen des später revidierten Vertrags von Sèvres gingen unter anderem auch auf den Völkermord an den Armeniern zurück.

Der dänische Politikwissenschaftler Dietrich Jung versteht unter dem „Sèvres-Syndrom“ „die Annahme, von Feinden umzingelt zu sein, welche die Zerstörung des türkischen Staates beabsichtigen“. Jung betonte, dass dieses Syndrom eine „bedeutende Determinante der türkischen Außenpolitik“ sei. Der türkische Historiker und Armenien-Experte Taner Akcam sprach von einer „andauernden Sichtweise, dass es Mächte gibt, die es ständig anstreben, uns zu zerstückeln und zu zerstören – und dass es notwendig ist, den Staat vor dieser Gefahr zu verteidigen“. Zwar ist der umstrittene Begriff des „Türkentums“ auf Druck der EU aus dem berüchtigten Artikel 301 des Strafgesetzbuches gestrichen, gilt aber als gesellschaftliches Ideal weiterhin.

Die Türkei hat Angst vor einer weiteren Erosion von Staatsgebiet und Staatsvolk. Ihr Misstrauen gegenüber dem Westen ist, historisch gesehen, nicht unberechtigt. Die Siegermächte wollten die Türkei damals schließlich als Machtfaktor ein für allemal ausschalten. Der britische Premierminister David Lloyd George sagte vor Abschluss des Vertrags von Sèvres, die Strafen für die Türken wegen ihrer Tyrannei gegenüber anderen Völkern „werden so fürchterlich sein, dass selbst ihre ärgsten Feinde zufriedengestellt sein werden“.

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