Meinung
Offen gesagt

In Europa wird überall nur noch von hinten gegrätscht

Auf dem Nachttisch wird spätestens Freitag Hesses „Siddharta“ ausgelegt. Oder, warum nicht, ein buddhistisches Lehrbuch. Oder „Der kleine Prinz“. Oder ein Kitschroman à la Pilcher, in dem nicht nur der Gleichklang der Herzen herrscht, sondern sich auch die Welt in perfekter Harmonie befindet. Irgendetwas jedenfalls, das vom Streben nach Erleuchtung und vom Wesen der Freundschaft, von der schicklichen Anordnung aller Dinge erzählt.

Denn es ist ja wieder Länderkampf angesagt, die Völker Europas messen sich beim Fußball. Wetten, dass mindestens die schicksalsmäßig zuletzt so gebeutelten Franzosen mächtig und martialisch auftreten werden? Mit Harmonie ist da auf dem Feld gar nichts, wenn Spitzenfußballer sich im Dienst der nationalen Sache abgrätschen. Die Grätsche ist ja ohnehin das (verbale) Mittel der Wahl, wenn man sich die jüngste Zeitgeschichte, wenn man sich die Politik und die Gesellschaft dieser Tage so anschaut. Seehofer gegen Merkel, Erdogan gegen alle, Gauland gegen den gesunden Menschenverstand, Ultrakonservative gegen Ewiglinke und das alles immer bierernst und ohne jeglichen Wortwitz – man kann ob der allgegenwärtigen Streithansl-Mentalität durchaus auf die Idee kommen, eine Epoche des fortgesetzten Zwistes mit verschärfter Brachialrhetorik auszurufen.

Dabei sind wir doch alle Brüder und Schwestern (oder so ähnlich). Also geht’s raus und spielt’s Fußball. Ohne Tacklings von hinten ...