Meinung
Leitartikel

Gauck gelingt ein souveräner Abschied

Der Autor ist Berlin-Korrespondent des Hamburger Abendblatts

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Foto: privat

Bundespräsident Joachim Gauckzeigt Größe selbst in der Rückzugsankündigung

Respekt, Herr Präsident: Dieser Rückzug hat Größe! Joachim Gauck zeigt auch noch in seiner Ankündigung, nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen, eine souveräne, verantwortungsbewusste Haltung. Da lässt einer los auf dem Höhepunkt seiner Präsidentschaft, viel gelobt, hochgeschätzt. Wie schwer der Abschied von der Spitze fällt, haben scharenweise Politiker bewiesen, die den richtigen Zeitpunkt für den Abgang verpassten, weil sie sich für unersetzlich hielten.

Bei Gauck ist es andersherum: Er tendierte schon früh dazu, nach fünf Jahren das Schloss Bellevue wieder zu räumen. Aber er hat lange, fast zu lange, gezögert mit seiner Entscheidung, weil er sicher sein wollte, dass der Verzicht auch staatspolitisch verantwortbar ist. Gauck hat sich zuletzt Sorgen gemacht: Würden die Flüchtlingskrise und der erstarkende Rechtspopulismus die Stabilität der Republik gefährden? Darf er in schwierigen Zeiten von Bord gehen, ohne neue Unruhe zu schaffen?

Erst als der Präsident Gewissheit hatte, dass trotz angespannter Zeiten ein Wechsel im höchsten Staatsamt als demokratische Normalität verstanden würde, hat Gauck den Abschied eingeläutet. Der Entschluss ist mit dem fortgeschrittenen Alter überzeugend begründet: Schon jetzt ist er mit 76 Jahren der älteste Präsident, den die Republik je hatte. Ob er noch einmal fünf Jahre mit all den Strapazen des Amtes so bestehen könnte, wie es seinen eigenen Maßstäben entspricht, ist offen. Doch so verständlich Gaucks Beweggründe sind, so bedauerlich ist sein Rückzug: Da nimmt einer der wichtigsten Präsidenten der bundesdeutschen Geschichte bald Abschied.

Gauck hat dem höchsten Amt der Republik die Würde zurückgegeben, die mit den unglücklichen Demissionen von Horst Köhler und Christian Wulff beschädigt war. Es ist sein Verdienst, dass niemand mehr fragt, wozu das Land einen Präsidenten braucht. Er ist ein Glücksfall, hatte aber auch Glück: Gauck fand wie seine Vorgänger anfangs nur schwer in seine Rolle, doch eine von den Krisen in Schloss Bellevue ermüdete Öffentlichkeit ging ungewöhnlich gnädig mit ihm um.

Auf internationalem Parkett war der Präsident aber von Beginn an ein souveräner Repräsentant. Im Ausland spricht Gauck auch da Klartext, wo es sich die Regierung im diplomatischen Alltag versagt. Die Arbeitsteilung funktioniert, weil er früh Frieden mit den Grenzen seines Amtes gemacht hat: Er mischt sich nicht in die operative Politik ein. Doch er hat wichtige Impulse gegeben, seine Reden in der Flüchtlingskrise oder seine leidenschaftliche Würdigung der Demokratie haben gewirkt. In Erinnerung bleiben wird vor allem sein Appell, Deutschland solle mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, notfalls auch militärisch. Vor allem diese Rede hat ihm auch viel Widerspruch eingebracht. Gauck ist kein Versöhner, er ist gern mal provokant. Aber auch Kritiker schätzen die Art, wie er mit Haltung, aber ohne Pomp sein Amt ausfüllt. Der ehemalige Pfarrer beherrscht nicht nur die Kunst der Rede – seine reiche Lebenserfahrung, aufbauend auf den Erfahrungen in der DDR, verleiht ihm Glaubwürdigkeit. Und mit einem Schuss Eitelkeit ist er auch Herzensöffner, der Distanz überwindet: Mit seiner Emotionalität wirkt Gauck wie eine glückliche Ergänzung zur kühl-nüchternen Kanzlerin.

Doch auch wenn Merkel und die Koalition es wollten: So einen wie Gauck, den knorrigen Demokratielehrer mit dem Erfahrungsschatz der gesamten deutschen Nachkriegsgeschichte, finden sie nicht wieder. Sie sollten es erst gar nicht versuchen. Gauck bleibt dem Land ja erhalten. Ihn treibt noch viel um. Als Altbundespräsident hat er, befreit vom Korsett des Amtes, den Deutschen gewiss noch viel zu sagen.