Meinung
Leitartikel

Die Lehren aus der "Hölle von Verdun"

Frieden ist keine Selbstverständlichkeit – Bewegendes Gedenken über den Gräbern der Toten

Große Politik wird mit kleinen Symbolen gemacht – so auf den Schlachtfeldern von Verdun, die seit nunmehr 100 Jahren für die Mordmaschinerie der Weltkriege stehen. Am 22. September 1984 reichten sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterrand über die Gräber hinweg ihre Hände. Nicht einmal 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ging dieses Bild um die Welt. Es wurde zum Symbol der Aussöhnung der Erzfeinde und der Größe der europäischen Idee. Zwei Politiker, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten, wagen eine Friedenserklärung. Mitterrand kämpfte selbst in Verdun gegen die Deutschen, Helmut Kohl verlor 1944 seinen älteren Bruder.

Angela Merkel und François Hollande sind Jahrgang 1954 – es wäre vermessen, ihnen eine ähnliche Symbolik in Verdun abzuverlangen. Für ihre Vorgänger Kohl und Mitterrand war es vielleicht einfacher. Zwar saßen Hass und Ressentiments bei vielen Menschen beiderseits des Rheins tief, aber der Einigungsprozess war unumstritten. Die Kriegswunden wirkten nach. Europa galt als Verheißung, Nationalstaaten erschienen zumindest den Deutschen als Auslaufmodell.

100 Jahre nach Verdun, 71 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 32 Jahre nach dem Handschlag hat sich Europa nachhaltig verändert – leider nicht zu seinem Besseren. Heute sehen immer mehr Bürger in nationalstaatlichen Grenzen die Verheißung, die Einigung gilt als Auslaufmodell. Die Wahlen der vergangenen Monate brachten europaweit nationalistischen Parteien Zugewinne. Großbritannien erwägt den EU-Austritt, in Osteuropa triumphieren nationalistische Parteien. In Österreich hätte die FPÖ fast den Präsidenten gestellt, in Frankreich gilt Marine Le Pen als mögliche nächste Präsidentin, in Schweden oder Deutschland notieren rechte Parteien in Umfragen zweistellig.

Europa war immer ein Elitenprojekt. Solange aber die Kriegserinnerungen in vielen Ländern lebendig waren, war der Einigungsprozess wenig umstritten. Diese Erinnerungen verblassen. Zugleich werden die Errungenschaften der Union – ob der Fall der Grenzen zwischen den Mitgliedstaaten oder die Schaffung eines Binnenmarktes – als selbstverständlich angesehen. Was für ein Irrtum. Natürlich ist das politische Europa daran nicht unschuldig: Das Demokratiedefizit wird seit Jahrzehnten kritisiert, aber zu langsam abgebaut. Die Bürokratie in Brüssel erinnert mitunter eher an den Albtraum aus Kafkas Schloss als an den Traum der Gründungsväter. Die Nationalstaaten sind daran nicht unschuldig. Europa bekommt derzeit weder die Aufmerksamkeit noch die Talente, die es benötigt. Ein Großteil der Kritik am Brüsseler Gebaren ist wohlfeil: Brüssel ist ein gern genutzter Blitzableiter und Sündenbock für eigene Fehler.

Angela Merkel und François Hollande sind Kinder ihrer Zeit – sie denken wie ihre Wähler vermehrt in nationalen Kategorien. Hollande mangelt es an Kraft und Mut, Frankreich zu reformieren, und ist damit ein Verantwortlicher für die Wachstumsschwäche in Europa. Angela Merkel entscheidet ohne Konsultationen der Partner über die Öffnung der Grenzen oder den Atomausstieg. In Anbetracht vieler Probleme gilt Europa zu oft als Selbstläufer, als Selbstverständlichkeit. Aber das ist die Einigung nie gewesen, sie ist keine Einbahnstraße, sondern kann auch scheitern. Der mögliche Brexit ist ein Fanal.

Auch deshalb bedarf es der Signale von Verdun. Geschichte ist keine Erzählung von gestern, sondern eine Lehre für morgen. Frieden kommt nicht von selbst, sondern muss jeden Tag neu errungen werden.