Meinung
Kommentar

Der Kirchentag hält uns den Spiegel vor

Kommentator Stephan Richter arbeitet als freier Autor

Kommentator Stephan Richter arbeitet als freier Autor

Foto: Michael Staudt

Das christliche Abendland ist in Gefahr – durch uns selbst

Wenn sich Christen in großer Zahl in Deutschland treffen und auf öffentlichen Plätzen Gottesdienste feiern, ist das längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Der Katholikentag in Leipzig wurde so zum Wagnis. Fast 80 Prozent der Menschen in Sachsen haben mit Kirche „nichts am Hut“. Die Zahl der Katholiken macht vier Prozent der Bevölkerung aus. Weniger als 20 Prozent gehören der evangelischen Kirche an.

Das Experiment hat sich schon deshalb gelohnt, weil es all jenen Menschen, die in Deutschland Angst haben vor einer „Überfremdung“ der Gesellschaft, einen Spiegel vorhält. Das Abendland, das von christlichen Werten, christlicher Kultur und christlichen Kirchen geprägt ist, wird nicht durch gläubige Muslime untergraben, die ihre Religion ausüben.

Die Auszehrung kommt von innen, von der wachsenden Zahl glaubens- und kirchenferner Bundesbürger. Überspitzt formuliert, lautet die Frage nicht, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, sondern wie lange das Christentum noch im Abendland genügend Anhänger findet.

Daran ändern auch Katholiken- und Kirchentage nichts. Die „neue Ängstlichkeit“, die Bundespräsident Joachim Gauck in Leipzig beklagte, ist schlicht auch damit zu erklären, dass sich viele Deutsche ihrer eigenen Wurzeln nicht mehr sicher sind. Da wird das Fremde zur Bedrohung.

Katholikentag und Evangelischer Kirchentag finden im jährlichen Wechsel statt. Ihr Reiz liegt darin, dass sie auf besondere Weise den politischen und gesellschaftlichen Wandel widerspiegeln.

Die Politisierung in Leipzig wurde bestimmt durch die Flüchtlingskrise, in der evangelische und katholische Gemeinden großes ehrenamtliches Engagement zeigen. Hinzu kam die Frage, ob AfD-Vertreter in Leipzig auf Podien eingeladen werden sollen oder nicht.

Dass den Organisationen der Mut verloren ging, eine offene Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten einzugehen, fällt unter die Rubrik: vertane Chance.

Leipzig hat allerdings auch gezeigt, dass die schwindende Zahl von Kirchenmitgliedern im Gegensatz zur wachsenden Aktualität der Themen steht, die christliche Kirchen anbieten. Fragen nach dem christlichen Menschenbild, nach Verteilungsgerechtigkeit oder nach der Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums stellen sich mehr denn je. Es geht um Solidarität und Nächstenliebe, um Gerechtigkeit, Demokratie, Toleranz und Menschenwürde.

Christen werden zur Minderheit –und suchen den Schulterschluss

„In welcher Gesellschaft wollen wir leben“, lautete das Thema des Forums mit Bundespräsident Gauck. Das Staatsoberhaupt forderte eine neue Debattenkultur in Deutschland. Genau die aber steht für Katholiken- und evangelische Kirchentage. Anders als bei Parteitagen, werden dort am Schluss keine Programme verabschiedet. Fragen bleiben offen – zum Beispiel in Leipzig, wie weit sich die katholische Kirche tatsächlich für Frauen öffnet.

Gleiches gilt für die Ökumene, wo die Amtskirche der Entwicklung ebenfalls hinterherläuft. Je mehr gläubige Christen zu einer gesellschaftlichen Minderheit werden, desto stärker suchen sie den Schulterschluss und entdecken, dass es mehr Gemeinsamkeiten gibt als Trennendes.

Vom Katholikentag in Leipzig geht deshalb der Weg weiter zum Evangelischen Kirchentag (in Berlin und Wittenberg) im kommenden Jahr, das mit dem Reformationsjubiläum verbunden ist. Das Martin-Luther-Jahr kann deutlich machen, wie sehr das Christentum die Kultur in allen Facetten bereichert.