Meinung
Kommentar

Flüchtling ausgebuht: Erbärmliches Trauerspiel

Der Autor ist Kultur-Redakteur beim Abendblatt

Der Autor ist Kultur-Redakteur beim Abendblatt

Wie kann man buhen, nachdem man einen 18-jährigen Iraker gehört hat, der in seiner Landessprache über Freiheit spricht, über seine Sicht auf die Welt und über seine Heimat, in der er es nicht mehr aushielt, weil er frei sein wollte? Wie kann man buhen, nachdem die deutsche Übersetzung erklärte, was er sagte? Wie kann man buhen, nachdem einem direkt vor dieser Begegnung mit den finsteren Seiten der Gegenwart auf Deutsch erklärt wurde, um welche Grundwerte es gleich geht? Wie kann man buhen, wenn man in einem Musikfest-Konzert sitzt, das sich das nun wirklich aktuelle Thema Freiheit als Konzept-Leitplanke gegeben hat, anstatt sich mit einem Lalelu-Motiv wie Leidenschaft ins kuschelige Irgendwie­ ­zurückzuziehen? Wie kann man buhen, wenn man für gerade mal zwei Minuten der ­rauen Wirklichkeit zuhört, bevor man 80 Minuten Mahler hört?

Keine Ahnung, wirklich nicht.

Doch genau das ist passiert, schlimmer noch: schon wieder passiert. Nachdem am Montag einige Besucher eines Pollini-Klavierabends von einem solchen Flüchtlings-O-Ton vom Band moralisch überfordert waren und buhten, wiederholte sich dieses erbärmliche Trauerspiel vor dem Konzert des Boston Symphony Orchestra. Von nun an sollte jedes Musikfest-Konzert also – bei entlarvend voller Beleuchtung! – so lange mit Flüchtlings-Statements beginnen, bis auch dem letzten Störer im Saal klar ist, wie verkehrt und unmenschlich seine Buhrufe sind.