Meinung
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Päpstliche Standpauke

Flüchtlings-Mahnruf an die EU: Der Argentinier Franziskus erweist sich als großer Europäer

Das nennt man wohl eine Gardinenpredigt, zudem von höchster (irdischer) Instanz. Was Papst Franziskus bei der Verleihung des Karlspreises den versammelten europäischen Honoratioren ins Stammbuch schrieb, liest sich wie eine Abrechnung mit der politischen Kaste des leidlich vereinten Europa. Die „Kühnheit“ der Gründerväter der EU, die einst eine „Solidarität der Tat“ in Europa verankerten, sei schnöden „Egoismen“ gewichen; die „Idee Europa“, so Franziskus, wurde abgelöst durch „gewundene Kompromisse“; „Zäune“ versperrten zuvor offene Grenzen. „Was ist mit dir los, Europa?“, rief der Pontifex den Schulzes und Junckers, den Merkels und Tusks zu.

Dass die im Vatikan versammelten Adressaten dieser päpstlichen Standpauke dann auch noch applaudierten, war wohl eine Mischung aus Formwahrung und Verlegenheit – und damit ein Abbild der Europäischen Union, wie sie sich aktuell präsentiert.

Die Politiker werden damit gerechnet haben, dass sich Franziskus, der Papst der klaren Worte, nicht mit einer Sonntagsrede begnügen würde. Schon mehrfach hatte er zuletzt vor allem die europäische Flüchtlingspolitik gegeißelt und dabei kein Blatt vor den Mund genommen, unter anderem bei seinem Besuch eines Flüchtlingscamps auf der griechischen Insel Lesbos. Und auch diesmal legte der Papst den Finger gnadenlos in die Wunde Europas. Es mag paradox klingen: Aber die Rede des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio war die Rede eines großen Europäers.

Europa in Zeiten der Flüchtlingskrise – das ist ein Kontinent, der sich kleinlich um Quoten zankt, während Millionen Flüchtlinge heimatlos geworden sind. Das ist eine Union der Egoisten, die sich einzäunen, während auf dem Mittelmeer fast täglich Menschen ihr Leben verlieren. Das ist eine politische Gemeinschaft der großen Gipfel und kleinkarierten Beschlüsse. Von der von Franziskus angemahnten „Solidarität der Tat“ ist nichts zu erkennen. Das vereinte Europa, das ist die traurige Lehre aus der Flüchtlingskrise, hat als Wertegemeinschaft abgedankt. Es hat diesen Anspruch verspielt – auf Lampedusa, auf Lesbos, in Idomeni.

Die gestrige Botschaft des Papstes, so unmissverständlich sie auch ausfiel, verdeutlicht allerdings auch ein Dilemma der Kirchen: In einer Welt, die immer säkularer wird, verlieren sie immer stärker an Einfluss. Es ist zu befürchten, dass der Appell des Heiligen Vaters weitgehend folgenlos verhallen wird – jedenfalls bei denen, die in Europa das politische Sagen haben. Man muss es wohl so drastisch sehen: Mit dem Karlspreis für den Papst hat die europäische Politik vor allem ihr schlechtes Gewissen beruhigt.

Im Moment atmen die Regierungen in den EU-Mitgliedsstaaten durch, die Grenzzäune und Kontrollen entlang der Balkanroute haben den Zustrom der Flüchtling deutlich abschwellen lassen. Das registrieren dankbar auch jene Politiker – wie etwa Angela Merkel –, die sich stets gegen Stacheldraht und Gräben ausgesprochen haben. Doch vieles spricht dafür, dass diese Situation nur eine Atempause bleiben dürfte.

Westliche Politiker schätzen die Zahl der Flüchtlinge, die in Libyen auf eine Überfahrtmöglichkeit nach Europa warten, auf mehrere Hunderttausend. Mit dem besseren Wetter werden sie sich auf den Weg machen Richtung Europa, das für die von Krieg, Unterdrückung und tiefer Armut ausgezehrten Menschen noch immer das gelobte Land darstellt. Gestern gab es die Meldung, dass italienische Schiffe binnen 24 Stunden fast 1800 Flüchtlinge aus Booten im Mittelmeer gerettet haben. Europa muss handeln. Beifall für den Papst reicht nicht.

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