Meinung
Leitartikel

Stadtteilschule muss gestärkt werden

| Lesedauer: 3 Minuten
Peter Ulrich Meyer
Der Autor leitet das Ressort Landespolitik des Abendblatts

Der Autor leitet das Ressort Landespolitik des Abendblatts

Foto: Andreas Laible,Andreas Laible / HA / A.Laible

Die Leistungsförderung muss ins Zentrum rücken, um neben dem Gymnasium zu bestehen

Noch büffeln die Abiturienten für ihre Abschlussklausuren, die in den nächsten Tagen geschrieben werden. Doch in wenigen Wochen, wenn der Lernstress vorbei ist und die Ergebnisse feststehen, werden allein in Hamburg rund 8000 junge Menschen die Reifeprüfung abgelegt haben. Darunter werden auch gut 2500 Schülerinnen und Schüler sein, die das Abitur an einer Stadtteilschule bestanden haben.

Welch ein schöner Erfolg, so könnte man auf den ersten Blick meinen, auch für die neu gegründete Schulform, die erst vor fünf Jahren aus den früheren Gesamt-, Haupt- und Realschulen hervorgegangen ist. Und tatsächlich: Angesichts der zum Teil sehr schwierigen Rahmenbedingungen, die zumal in sozialen Brennpunkten zu Buche schlagen, ist die Leistung nicht nur jedes einzelnen Schülers, sondern gerade auch der Lehrer beachtlich!

Und doch wäre es völlig falsch, wenn Schulleiter und Pädagogen, wenn Politiker und Bildungsforscher selbstzufrieden zur Tagesordnung übergehen würden. Es ist ein Alarmzeichen, wenn jetzt durch die Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage herauskommt, dass ein Drittel der 58 Hamburger Stadtteilschulen keinen oder nur einen Schüler mit einer Gymnasialempfehlung in den fünften Klassen hat.

Perspektivisch fehlen der sogenannten zweiten Säule des Schulsystems neben dem Gymnasium die leistungsstarken Schüler. Dass Eltern ihre Kinder tendenziell nach wie vor lieber auf ein Gymnasium schicken, wenn es irgendwie geht, hat die jüngste Anmelderunde für die fünften Klassen deutlich gemacht. Nur noch gut 42 Prozent des Jahrgangs werden danach eine Stadtteilschule besuchen, 54 Prozent dagegen ein Gymnasium.

Aber für viele dieser Schüler ist der Leistungsdruck und das Lerntempo am Gymnasium, das schon nach acht Jahren zum Abitur führt, später doch zu hoch. Jahr für Jahr müssen mehr als 1000 Schüler der Klassen fünf bis zehn das Gymnasium verlassen. Es ist fraglos die Leistung der aufnehmenden Stadtteilschulen, diese Schüler, die mit dem eigenen Scheitern so massiv konfrontiert sind, wieder zu motivieren und häufig doch noch zum Abitur zu führen – dann eben nach neun Jahren.

Andererseits ist es jedoch geradezu aberwitzig, Kinder in so großer Zahl auf eine Schule zu schicken, an der sie voraussichtlich scheitern werden. Nun will niemand die freie Elternwahl ernsthaft abschaffen und etwa Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium wieder einführen. Deswegen bleibt als einzige Alternative, die Stadtteilschulen attraktiver für Eltern leistungsstärkerer Schüler zu machen.

Das ist alles andere als leicht, aber ein paar Orientierungspunkte gibt es doch. Es ist falsch, von einer Krise der Schulform insgesamt zu sprechen, denn es gibt einzelne, sehr erfolgreiche Standorte. Von deren Konzepten können andere lernen. So gibt es Stadtteilschulen, die nebeneinander das Abitur nach acht und neun Jahren anbieten. Wer beim höheren Lerntempo nicht mitkommt, muss nicht gleich die Schule wechseln, sondern nur die Klasse.

Sicher: Die Inklusion von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf bindet viele Kapazitäten. Letztlich wird eine starke und selbstbewusste Schulform Stadtteilschule aber nicht ohne ein klares Bekenntnis zum Leistungsgedanken zu haben sein. Die Zeit einer ideologiegeprägten Schulpolitik ist hoffentlich vorbei.

Das eröffnet die Chance, sich in einer Art konzertierter Aktion von Schule, Forschung, Wirtschaft, Eltern und Politik auf eine Weiterentwicklung der Stadtteilschulen zu verständigen. Sehr nötig ist es.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Meinung