Meinung
Leitartikel

Plattformen wie Amazon zerstören den Einzelhandel

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Matthias Iken

Mit Lenffer muss ein weiteres Hamburger Traditionsgeschäft Insolvenz anmelden.

Wer auf Bildern durch die Hamburger Innenstadt der 80er- oder 90er-Jahre flaniert, wird sich vielleicht über die altertümlichen Autos, die verwegene Mode oder die Veränderungen im Stadtbild wundern. Ganz sicher aber wird er beim näheren Hinsehen auf große Namen stoßen, die über Jahrzehnte einen Klang weit über die Stadtgrenzen hinaus hatten und heute längst getilgt sind.

Ob das Elektronikkaufhaus Brinkmann an der Spitalerstraße, der Porzellan-Fachhändler Lattorf am Gänsemarkt, ob der alteingesessene Schreibwarenladen Friedrich C. Jensen am Hauptbahnhof, die edlen Mode- oder Wäschegeschäfte Mey & Edlich, Jaeger & Mirow oder Jäger + Koch in der City – sie alle verschwanden von Hamburgs Einkaufsmeilen. Andere renommierte Fachgeschäfte wie Hanse CD oder Schacht und Westerich wagten nach der Insolvenz den Neustart, ein Ziel, das nun auch das traditionsreiche Porzellanhaus Lenffer einschlägt.

Doch die sich verlängernde Liste der Namen zeigt: Der Handel steht seit Jahren massiv unter Druck, gerade traditionsreiche und inhabergeführte Unternehmen trifft der Verdrängungswettbewerb besonders. Heute rächt sich jeder unternehmerische Fehler oft binnen kürzester Zeit – denn die Bedingungen im Handel verändern sich radikal und mit ihm viele Spielregeln. Die „Geiz ist geil“-Mentalität, veränderte Kundenwünsche und das Einkaufen im Internet haben eine gewachsene Branche durcheinandergewirbelt, die seit Langem unter Margenverfall und Kaufzurückhaltung leidet.

Und der Strukturwandel im Einzelhandel könnte erst am Anfang stehen. Der Internethandel wächst weiter: Viele Geschäfte gerade in kleineren Städten und in den Vierteln könnten in diesem Verdrängungswettbewerb untergehen, in den Fußgängerzonen und Einkaufszentren dürften Filialisten und Flaggschiffläden weltweiter Marken die inhabergeführten Geschäfte verdrängen. Unterscheidet Kö und Mö bald nur noch ein Buchstabe? Unsere Städte – und das ist kein Kulturpessimismus – drohen austauschbar, öde, langweilig zu werden. Viele Jobs werden wegfallen, der Fachhändler wird vom Paketboten und Lagerarbeiter ersetzt. Und gähnend leere Schaufensterfronten könnten unsere Vorstädte unwirtlich machen. Wollen wir das wirklich?

Immerhin haben wir Kunden ein Wort über die Zukunft des Handels und das Gesicht der Stadt mitzureden. Wir entscheiden, ob das Geld per Klick an Aktionäre von Amazon oder Zalando geht oder eben an den Fachhändler um die Ecke. Warum fördern wir im Netz den Aufbau von Oligopolen, während wir in jeder Einkaufsstraße und vielen anderen Lebenslagen zu Recht Vielfalt verlangen?

Zugleich müssen die Händler besser werden – wenn es im Netz schon billiger ist, muss es im Laden attraktiver, sympathischer und hochwertiger sein. Dass das funktionieren kann, zeigen ironischerweise ausgerechnet die Buchgeschäfte: Inzwischen legt der stationäre Handel wieder zu – auf Kosten der Internetversender.

Auch die Politik ist gefordert: Eine abstruse Steuerpolitik in Europa begünstigt Internetmultis wie Amazon, die sich in vielen großen Ländern armrechnen können. Da wäre schon Chancengleichheit im Handel ein schönes Ziel. Doch auch Strafzölle für Paket­auslieferungen sind zumindest einen Gedanken wert: Wenn Städte veröden und zugleich Paketboten die Straßen zuparken, ist Steuerung kein Teufelswerk, sondern könnte ein Beitrag zur Rettung der Kommunen sein.

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