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E-Mails zwischen Hamburg und Berlin

Ein E-Mail-Wechsel von Abendblatt und „Cicero“

Christoph Schwennicke, Chefredakteur des in Berlin produzierten Magazins „Cicero“, und Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, pflegen eine E-Mail-Freundschaft, die wir jeden Sonnabend veröffentlichen.

Haider: Lieber Christoph, ich habe es genau gehört: Du hast bei Deinem Auftritt bei „Hart aber fair“ Olaf Scholz gelobt (im weitesten Sinne). Er ist ja wie Winfried Kretschmann und Malu Dreyer ein Beispiel dafür, dass heute und in Zukunft authentische Politiker Wahlen gewinnen und nicht Parteien.

Schwennicke: Nix kann man mal irgendwo in trauter Runde sagen, ohne dass Du es gleich wieder mitbekommst! Ich habe Deinen von Dir innig geliebten Bürgermeister in der Tat als Beispiel angeführt, wie man mit einem Schröder-Kurs als Sozialdemokrat erfolgreich sein kann. Oder mit einem Lafontaine-Kurs wie in den USA Bernie Sanders und Jeremy Corbyn in Großbritannien. Mit gar keinem Kurs aber wie Sigmar Gabriel geht es nicht.

Haider: Wobei man angesichts der Ergebnisse den Eindruck gewinnen könnte, dass die Zielgruppen für linke Parteien immer kleiner werden. Warum rückt Deutschland so stark nach rechts?

Schwennicke: Ich sehe das nicht im Links-rechts-Muster. Merkel hat die Flüchtlingspolitik von Anbeginn komplett vermasselt, und die SPD ist mitgehangen und mitgefangen. Das ist alles.

Haider: Mitgehangen und mitgefangen ist gut – die SPD ist doch in einer existenziellen Krise. Wenn das so weitergeht, wird für die Genossen bald die Fünfprozenthürde zum Problem! Wie kommt man da wieder raus? Was würdest Du als SPD-Kanzlerkandidat machen (hübsche Idee ...) ?

Schwennicke: Das Problem der SPD geht tiefer, das stimmt. Sie hat keinen Kurs, sie steht für nichts, außer für die Unterstützung der Kanzlerin. Sie hört nicht mehr auf ihre Leute. Sie hätte zum Beispiel in der Bargelddebatte was zu deren Gunsten sagen können. Das ist ein Bonzenthema, daherzureden von wegen: In zehn Jahren gibt’s kein Bargeld mehr ... Das magst Du jetzt belächeln. Aber das ist das Problem. Die SPD ist out of touch.

Haider: Und was würdest Du der SPD raten, wenn sie Dich doch um Rat fragen würde? Auflösen?

Schwennicke: Nicht auf ihre Funktionärsschicht hören, sondern auf die Leute, die sie eigentlich wählen. Und nie wieder mit Angela Merkel koalieren. Das ist tödlich