Meinung
Hamburger Kritiken

Der Harz – das vergessene Gebirge

Matthias Iken

Matthias Iken

Foto: Reto Klar

Der Harz ist ein touristisches Kleinod und überraschend vielseitig. Leider aber ist der Verfall nicht zu übersehen

Wir Deutschen mögen den Verfall. Ob heruntergekommene Hotels, marode Industrieanlagen oder überwucherte Kloster – sie üben einen besonderen Reiz auf uns aus. Immer mehr Fotografen widmen sich vergessenen Orten, im Internet zählen Bildergalerien über diese „Lost Places“ zu den Klickbringern auf großen Nachrichtenportalen. Sogar die Begrifflichkeit zeigt unsere Liebe zum Verfall: Die vergessenen Orte nennen wir allen Ernstes „Lost Places“, ein Scheinanglizimus, den Briten nicht verstehen. Sie sagen „abandoned premises“ oder „off the map“ dazu. Sprachverfall und Ruinen aus Stein haben einiges gemeinsam.

Woher diese seltsame Obsession der Deutschen für Ruinen rührt, ist schwer zu erklären: Vielleicht ist sie Teil der romantischen deutschen Seele, die schon Caspar David Friedrich in Öl auf Leinwand bannte (Die Abtei im Eichwald), vielleicht aber auch Reaktion auf eine bewegte und schwierige Geschichte, in der die Deutschen nicht nur den halben Kontinent in Trümmer legten, sondern auch auferstanden aus Ruinen Länder in blühende Landschaften verwandelt haben.

Die Frage ist nur, was da blüht. Und wo.

Eine „blühende Landschaft“ für Jäger vergessener Orte ist der Harz. Im einzigen Mittelgebirge Norddeutschlands wachsen Büsche zwischen den Gleisen, wuchern Bäume aus Fenstern und blühen Blumen auf Industrieflächen. Fast jeder Ort hat sein Belle-Epoque-Hotel, das von besseren Zeiten kündet und nun dem Verfall anheimfällt. Häuser, die von einer Ära der Sommerfrische erzählen ohne Billigflieger und Fernreisenweh, als die Deutschen in den Harz und nicht nach Hurghada, nach Thale, nicht nach Teneriffa, nach Braunlage, nicht nach Barcelona reisten.

Die Ferne rückt näher – und das Naheliegende an den Rand. Der Harz hat ein schweres Image-Pro­blem. Wo die Orte Elend oder Sorge heißen, lässt sich mit Touristen kaum ein Staat machen. Für Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe oder Hans-Christian Andersen war der Harz noch Sehnsuchtsort; der Brocken, der mythologische Blocksberg, ist es sogar bis 1989 geblieben. Zum Greifen nah ragte er dort aus der norddeutschen Tiefebene und unendlich fern zugleich, ein Symbol für die deutsche Teilung wie das zugemauerte Brandenburger Tor. Seit der Wiedervereinigung ist der Brocken durch Nachmessen um einen Meter auf 1141 Meter geschrumpft, in der Wahrnehmung der Deutschen vom Schicksalsberg zum Allerweltshügel.

Das ist mehr als unfair: Der Harz ist das vielseitigste und neben dem Bayerischen Wald sicherlich das romantischste Mittelgebirge der Repu­blik, die Täler tief, die Wälder weit, die Orte Weltkulturerbe. 1063 dieser Unesco-Stätten gibt es, drei davon im Harz – also mehr als in ganz Irland. Da könnte man eine Menge daraus machen. Aber während der Westharz bis heute unter der Öffnung der Grenze leidet und seit bald drei Jahrzehnten in einem Modernisierungsstau steckt, stößt nun auch der Ostharz an die Grenzen des Wachstums. Dem norddeutschen Mittelgebirge fehlt ein Konzept aus einer Hand – er zerfällt mit Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf drei Bundesländer, fünf Landkreise und 66 Kommunen. Der Tourismuswirtschaft im Harz fällt vieles ein, der erste FKK-Naturistenstieg beispielsweise, eine Hot Rod City Tour oder ein Schlittenhundrennen, aber was nützen die tollsten Ideen, solange es an touristischen Standards mangelt? Die Harzer Küche etwa, die noch jedes Stück Fleisch in brauner Soße ertränkt, dürfte nur im Vergleich mit der britischen Kochkunst konkurrenzfähig sein. Der Service, gerade im Osten, erinnert oft noch an den Gouvernanten-Sozialismus der verblichenen DDR. Und sonst trifft man viel Vergangenheit – Schierke galt mal als „St. Moritz des Nordens“ –, aber wenig Zukunft.

Wie findet eine touristische Legende zurück in die Spur? Durch das Kapital von mutigen Investoren, durch einheitliche touristische Gütesiegel, die alle Zielgruppen ansprechen, durch ein cleveres Marketing. Grundvoraussetzung für alle Ideen aber wäre das Interesse der Urlauber. Der Harz ist eine Reise wert – nicht nur für Liebhaber vergessener Orte.