Meinung
Kommentar

Hamburg muss Ausbildung wieder aufwerten

Berufsschulen verlieren dramatisch an Schülern

Die klassische Berufsausbildung hat bei Hamburgs Schülerinnen und Schülern keine Konjunktur. Immer weniger Jugendliche beginnen nach dem Schulabschluss eine Duale Ausbildung (um die das Ausland Deutschland übrigens glühend beneidet). Um satte 11,4 Prozent sank die Zahl der Berufsschüler in der Hansestadt allein seit 2010. Stattdessen beginnen die jungen Hamburger nach dem Schulabschluss zunehmend ein Studium. Die Möglichkeit dazu haben sie: Schließlich haben mittlerweile fast 60 Prozent jedes Jahrgangs entweder Abitur oder Fachhochschulreife.

Viele Abiturienten – das ist für eine Bildungsgesellschaft wie die unsere keine schlechte Entwicklung. Die sinkende Zahl von Berufsschülern hingegen schon. Viele Handwerksbetriebe klagen, dass sich nicht einmal mehr schwache Bewerber bei ihnen um einen Ausbildungsplatz bewerben. Und die Akademisierung schreitet immer weiter voran.

Dabei brauchen wir beides: Studierte Ärzte, Anwälte und Atomphysiker leisten einen ebenso großen gesellschaftlichen Beitrag wie Friseure, Automechaniker, Optiker oder Verkäufer. Wer sollte sonst unsere Brötchen backen, die Dächer decken oder unsere Bankgeschäfte verwalten? Früher hatte die Wahl des Berufes viel weniger mit Prestige zu tun als heute. Jeder schlug den Weg ein, der am besten mit seinen Fähigkeiten und Interessen vereinbar schien. Wer weniger gut abstrakt denken konnte, machte den Haupt- oder Realschulabschluss und arbeitete dann praktisch mit seinen Händen. Doch jetzt wird zunehmend gewertet: Abitur und Studium gut, alles andere: naja. Das stigmatisiert nicht nur viele Jugendliche, es stellt auch die Gesellschaft vor ein wachsendes Problem.

Bei der Lösung können die jungen Flüchtlinge helfen. Die Hoffnung, dass sich viele von ihnen zu Facharbeitern ausbilden lassen, mag auf den ersten Blick naiv erscheinen. An den Berufsschulen der Hansestadt scheint sie sich zu bewahrheiten. Der Abwärtstrend bei den Berufsschülern konnte laut Schulbehörde aufgrund der wachsenden Zahl von Flüchtlingen in diesem Jahr zum ersten Mal gestoppt werden.