Meinung
Schumachers Woche

Helau auf die deutsche Leitkultur

Brauchtum und Wahnsinn muss kein Widerspruch sein. Wer in diesen tollen Tagen die Sinnfrage stellt, hat schon verloren.

Wenn im Königreich Bhutan das Tshechu-Fest steigt, fiebern die Einheimischen. Besucher wundern sich über tagelange Maskentänze in Zeitlupe, fotogen bunt zwar, aber unverständlich und zäh. Bhutaner schauen gebannt zu. Das Fernsehen überträgt.

Wenn sich gläubige Schiiten beim Ashura-Fest den Rücken blutig peitschen, fragen Beobachter besorgt nach dem Sinn. Und wenn sich heilige Männer zur Kumbh Mela in Indien kopfüber einbuddeln lassen oder gewaltige Haschpfeifen rauchen, dann weiß der Ausländer: zugucken ja. Aber Mitmachen ist keine gute Idee.

Womit wir beim Karneval wären. Voller Ernst zelebrieren die Menschen des Rheinlands ein jahrhundertealtes Ritual, das für Außenstehende rätselhaft bleibt wie Tshechu und Ashura. Sinn ergibt das Treiben nicht, aber so ist halt der Brauch, und der ist heilig. Wer Sinnfragen stellt, verliert.

In Mönchengladbach, einem Subzentrum der Narretei, haben nun eher unlustige ältere Herren mit naturroten Nasen und komischen Mützen versucht, Flüchtlingen den Karneval näherzubringen. Die Kinder riefen „Weihnachtsmann“, alle nickten interkultu­ruell, als es um „Bützchen“ ging.

Wie soll ein Neuankömmling kapieren, dass es Leitkultur ist, wenn Menschen gerade im fortgeschrittenen Alter Netzstrumpfhosen anziehen, sich von oben bis unten mit Herzen bemalen wie ein ambulanter Animierbetrieb und fortwährend alberne Lieder singen, die zum Vermehren einladen?

Gut, im Begrüßungsheftchen war zu lesen, dass man den Menschen hier mit höchstem Respekt zu begegnen hat. Aber auch denen, die morgens um vier über dem Geländer einer Rheinbrücke hängen? Wie soll man kapieren, dass Prophet und Gesundheitsminister einhellig verurteilen, wenn sich Heranwachsende im Komasaufen üben, zu Karneval aber die Eltern dem Nachwuchs vormachen, wie Vorglühen und Abstürzen geht. Brauchtum und Hirntod muss kein Widerspruch sein.

Also, verehrte Gäste aus aller Welt, Hirn abschalten, vor allem den Logiksensor, weder Sinn suchen noch Sorgen machen. Einfach zugucken, wundern und abwarten. Nächsten Mittwoch hört Deutschland wieder auf, sich lockerzumachen.