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Sex-Übergriffe an Silvester: Ich schäme mich

| Lesedauer: 3 Minuten
Berj Baghdee Sar
Berj Baghdee Sar

Berj Baghdee Sar

Foto: HA

Die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht – ein Flüchtling beschreibt, was er empfindet.

Es fällt mir schwer, über dieses Thema zu schreiben. Denn ich schäme mich. Was einige Männer – manche offenbar Flüchtlinge so wie ich – in der Silvesternacht in Hamburg, Köln und anderen Städten getan haben, ist einfach nur widerlich.

Das Leid, das Frauen und Mädchen in dieser Nacht ertragen mussten, wird nicht ohne Folgen bleiben. Hoffentlich nicht für die Täter, die schwer bestraft werden müssen – und leider wohl auch nicht für die große Mehrheit der Flüchtlinge, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen. Denn die Stimmung in der deutschen Bevölkerung verändert sich.

Silvester ist in Deutschland ein Tag des ausgelassenen Feierns, das habe ich gelernt. Ich war bei einer deutschen Familie eingeladen, wir haben gegessen und getrunken und voller Hoffnung auf das neue Jahr angestoßen – auf dass es ein glückliches werden möge. Doch wie wir heute wissen, begann das Jahr denkbar schlecht.

Ich weiß nicht, was in den Köpfen dieser Männer vorgeht. Aber offensichtlich ist es ihnen ein Vergnügen, Frauen zu verletzen, zu beleidigen und zu demütigen. Um es ganz klar zu sagen: Wer so etwas tut, hat nicht nur diverse Straftaten begangen, er hat auch sein Gastrecht in diesem Land verwirkt.

Wem solche Taten in einem rechtsstaatlichen Verfahren nachgewiesen werden, der muss Deutschland verlassen. Ganz unabhängig davon, welche Nationalität, Religion oder Hautfarbe er hat.

Viele Flüchtlinge sind so wie ich in diesen Tagen in großer Sorge, dass wir alle als potenzielle Gewalttäter betrachtet werden. Ich kann versichern, dass die übergroße Mehrheit der Flüchtlinge über die Vorfälle genauso entsetzt ist wie die deutsche Öffentlichkeit.

Ich bin froh und dankbar, in einem Land zu sein, das so frei ist und in dem jeder tun kann, was er möchte – solange er dabei die Rechte der anderen und geltende Gesetze akzeptiert. Die Freiheit endet da, wo die der anderen beginnt.

Das fällt manchen Menschen nicht leicht zu akzeptieren – vor allem, wenn sie aus einem Land mit ganz anderen Traditionen und Kulturen kommen. Dann ist die Gefahr groß, dass sie sich entweder abschotten oder meinen, dass man sich in Deutschland alles erlauben darf. Und deshalb ist es so wichtig, so früh wie möglich mit der Integration zu beginnen und die Werte von Gleichberechtigung, Toleranz, Meinungsfreiheit und Demokratie zu vermitteln.

Das ist natürlich nicht einfach. Ein Beispiel: Wenn in Hamburg in der U-Bahn eine Frau einen Mann anlächelt, dann ist das einfach nur eine Geste der Freundlichkeit. In vielen arabischen Ländern ist das quasi eine Aufforderung, sie anzusprechen. Man kann nicht erwarten, dass alle Flüchtlinge sofort die deutschen Regeln kennen und übernehmen, quasi auf Knopfdruck. Das wird ein längerer und sicherlich auch manchmal mühsamer Prozess.

Aber man muss erwarten, dass die Flüchtlinge sich ehrlich bemühen. Wer das nicht will, muss sich fragen, ob er in diesem Land richtig ist.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Abendblatt-Redakteur Sven Kummereincke.

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