Meinung
Mamas & Papas

Bin ich ein Vater aus der analogen Steinzeit?

Das Kind will am Computer spielen – und ich die Kiste am liebsten aus dem Fenster werfen. Vom Versuch, der digitalen Sucht den Kampf anzusagen

Wir sind eine gelassene Familie. Nach einem halben Leben mit Kindern erschüttert uns keine Note mehr, kein Essfimmel, nicht mal das Zimmer, das aussieht wie eine Neuköllner Kreuzung am Neujahrsmorgen um 3 Uhr. Nur ein Thema sorgt zuverlässig für Hochwut – wenn Hans mit Welpenblick schmuseweich „Paaapaaa ...?“ schmachtet. Natürlich wäre es pädagogisch unklug, eine halb fertige Frage niederzubügeln. Andererseits weiß ich genau, was kommt – das Kind will Computer. Und ich würde die Kiste am liebsten aus dem Fenster werfen, einfach so, um diese elende Diskussion nicht führen zu müssen, die zuverlässig in schlechter Laune für alle endet. Der Nahostkonflikt ist ein Kinderspiel dagegen. Ein Hoch auf alle Familien, die die Zockerei entspannt im Griff haben.

Dieser Jahreswechsel bescherte uns wieder eine endlose Abfolge sinn­loser Halbfeiertage, wenn die Geschenke ihren Reiz ebenso verloren haben wie elterliche Entertainment-Versuche. „Lies doch mal ein Buch!“ – kein Satz war je vergeblicher. Warum soll der Junge eigentlich nicht ein wenig am Computer spielen dürfen, während sich der Ernährer in die Zeitung vertieft? Alle anderen in der Schule spielen ja auch, sagt Hans. In Israel verteufeln orthodoxe Rabbis das Internet im Allgemeinen und das Smartphone im Speziellen. Will ich mich von meinem Kind als Fundamentalist beschimpfen lassen, selbst wenn ich tief im Herzen womöglich einer bin?

Ich fürchte den Moment, wenn die vereinbarte Zeit abgelaufen ist, der Junge sich aber nicht lösen kann und den Vater, der sich großzügig fühlt, mit blinder Wut straft. Sind wir die einzige Familie, die einen aussichtslosen Kampf gegen den Machtsog des Gamings führt? Offenbar nicht. Neulich hatten wir uns bei Freunden zum Abendessen eingeladen und wurden Zeugen, wie die eigentlich sehr vornehme Dame des Hauses zorneslila anlief. Zum ersten Mal hatte sie 15 Minuten vor Essensbeginn nach ihrem Sohn gerufen, dann fünf Minuten vorher, schließlich exakt im Moment des Servierens. „Habe gelernt“, erklärte der Knabe, als die Mutter über den abgekühlten Knödeln grollte. Immerhin hatte er das Smartphone in die Hosen­tasche gleiten lassen. Die Idee von der ferngesteuerten Zeitschaltuhr am häuslichen WLAN gewinnt an Attraktivität. Klar, Computerspiele sind wahre Kunstwerke: tolle Grafik, spannende Storys, weit mehr als stumpfes Geballer. Ja, ja, ja, ich weiß: Inzwischen verdienen Kids mit E-Gaming mehr als Mesut Özil, YouTuber sammeln für ihre kommentierten Spielszenen Millionen Clicks ein, und alle reden fasziniert drüber – außer mir. Wie kaltherzig und ignorant muss ein Vater sein, der seinem Sohn den Zugang zu globaler Jugendkultur verwehrt?

Mögen mich digital gechillte Eltern für einen Steinzeit-Analogen halten, der die Zukunft unserer Jugend, ja unseres Landes durch modrig-altlinke Technikfeindlichkeit aufs Spiel setzt; ich bleibe dabei, dass Computerspiele vielleicht nicht in allen, aber ziemlich vielen Kinderhirnen einiges Durcheinander anrichten. Warum sonst wäre das Auftauchen aus der Spielewelt mit so viel echten Schmerzen verbunden? Warum hört man so oft von Schülern, bei denen verschärftes Zocken und Leistungsabfall auffallend korrelieren? Wir haben in den Sommerferien versucht, Computerspielen durch Hyperkonsum zu entzaubern. Vergebens: Ein Junkie wird mit noch mehr Heroin ja auch nicht clean.

Wikipedia definiert Sucht „als unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstands untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen.“ Wir brauchen keine neurologische Fachliteratur, um festzustellen, dass Daddeln weder Zehn- noch 20-Jährigen dauerhaft guttut. Wer spielt, ist im dauernden Flucht- oder Kampfstress, also ständig auf Adrenalin. Beim Lesen oder Spielen schwingt das Hirn deutlich entspannter.

Unser Fazit, das man für eine Kapitulation halten kann: Ohne Games ist das Leben, abgesehen von zwei Tagen Entzugsschmerz, deutlich angenehmer. Plötzlich taucht hinter Pixelhaufen wieder ein normales und oft sogar nettes Kind auf. Dafür leben wir mit dem Makel, den Jungen von modernen Kommunikationsmitteln fernzuhalten und seine Chancen auf einem Abstraktum namens Weltmarkt zu ruinieren. Aber: Wer Computerspiele beherrscht, ist noch lange kein Programmierer. Wer pausenlos Fußball guckt, wird ja auch nicht zwangsläufig ein guter Kicker.