Meinung
Frankenfelds Welt

Erinnerung an Hamburgs Glockenfriedhof

Thomas Frankenfeld ist Chefautor des Hamburger Abendblatts

Thomas Frankenfeld ist Chefautor des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Als in der Neujahrsnacht in Hamburg die Kirchenglocken läuteten, waren darunter auch „Überlebende“ einer dramatischen Geschichte.

Das lauteste, alles andere überlagernde Geräusch in der Neujahrsnacht war natürlich das Detonieren der Raketen und Knallkörper. Mit diesem infernalischen Lärm sollen der Überlieferung nach böse Geister vertrieben werden: Der Brauch stammt tatsächlich aus heidnischer Zeit, als die Germanen in dieser Nacht die durch die Luft ziehenden unheilvollen Geisterheere des düsteren Gottes Odin fürchteten.

Wer genau hingehört hat, mag auch das Läuten von Kirchenglocken vernommen haben. Obwohl dieses Neujahrs-Geläut ein „weltliches“ ist, hat es natürlich einen christlich-religiösen Hintergrund. Und während sich mancher in Kirchennähe wohnende Bürger erbost die Ohren zuhält, bewirkt der Klang von Kirchenglocken in anderen Menschen eine besinnliche, geradezu transzendentale Ruhe.

Kaum jemand denkt über Kirchenglocken nach, dabei sind diese Kultgegenstände sehr alte Begleiter der Menschen. Schon während der Römerzeit wurden die ersten Christen mit Schellen zum Gottesdienst gerufen, später entstanden erste Glocken aus Eisenblechen – die berühmte Kölner „Saufang-Glocke“ stammt wohl aus dem siebten Jahrhundert. Mit dem kunstvollen Guss aus wohlklingender Bronze – einer Legierung aus Kupfer und Zinn – begann die teilweise dramatische Geschichte der Kirchenglocken. Und in dieser Historie sollte Hamburg noch eine besondere Rolle spielen.

Das Material Bronze eignete sich ebenso gut zum Glockenspiel wie zum massenhaften Töten; denn die Kanonen der damaligen Zeit wurden ebenfalls daraus hergestellt. So konnte es geschehen, dass zum Beispiel Napoleon rund 100.000 Glocken einschmelzen ließ, um daraus Kanonen für seine in ganz Europa gefürchtete Artillerie zu gießen. Doch nach dem Sieg über Frankreich 1871 ließ Kaiser Wilhelm I. Glocken aus französischer Kanonen-Bronze herstellen, wie die 27 Tonnen schwere „Kaiserglocke des Kölner Doms. Sie wurde 1918 wieder abgenommen und ihr Metall für Kriegszwecke verwendet. Dem Ersten Weltkrieg fielen rund 65.000 Glocken zum Opfer.

Im Zweiten Weltkrieg wurden in Europa vermutlich mehr als 150.000 Glocken für die Waffenproduktion eingeschmolzen. In Deutschland wurde dies besonders rabiat betrieben: Die Glocken wurden je nach historischem Wert in vier Gruppen eingeteilt, wobei 77 Prozent aller Glocken in die ungeschützte Gruppe A fielen und vernichtet wurden, darunter sogar viele kostbare aus dem Mittelalter. Glocken der Gruppe D sollten möglichst erhalten bleiben; doch viele für das NS-Regime glühende Bürgermeister ließen auch diese Glocken abhängen. Viele Kirchen durften wenigstens eine kleine Läuteglocke behalten – sehr zum Ärger des zuständigen Ministers Hermann Göring, der eigentlich im ganzen Reich nur zwölf Glocken verschonen wollte.

Kirchenglocken waren den Nazis als Ausdruck christlichen Glaubens ein Dorn im Auge; vier Tage nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 verbot das Regime vorübergehend das Läuten der Kirchenglocken – da sie angeblich die Abhorchgeräte der Flugabwehr störten.

Die Glocken mussten der „Reichsstelle für Metalle“ gemeldet und eingesammelt werden; sie wurden dann den Schmelzhütten zugeführt. Der Befehl löste eine Barbarei wider die Kultur und die Geschichte aus. Und der größte „Glockenfriedhof“ Deutschlands, ja vermutlich sogar der gesamten Geschichte, entstand in Hamburg auf der Veddel. In dieser zentralen Sammelstelle landeten fast 90.000 Glocken, die in ganz Deutschland und den besetzten Gebieten beschlagnahmt und vernichtet wurden, zu Pyramiden gestapelt, zu „Glockenbruch“ zerschlagen und dann vor allem in der „Norddeutschen Affinerie“ eingeschmolzen.

Nach Kriegsende lagerten auf der Veddel noch rund 13.500 Glocken, die den Schmelzöfen entgangen waren, von denen aber viele durch Risse aufgrund der rücksichtslosen Stapelung nicht mehr zu retten waren.

Ein „Ausschuss für die Rückführung von Glocken“ gab sie an die diversen Kirchen zurück. Die erste deutsche Kirche, die 1947 vier der verschonten Glocken zurückerhielt, war übrigens – der Hamburger Michel.