Meinung
Matz ab

Der HSV und Schweinchen Schlau

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Foto: Andreas Laible / HA

Wer soll wie viel Fernsehgelder kassieren? Im Profifußball hat sich eine Dreiklassengesellschaft gebildet. Morgen spielt Not gegen Elend.

Bei Geld hört die Freundschaft auf. Auch in der Fußball-Bundesliga. Immer mehr Vereine merken offenbar, dass sie immer weniger in der Kasse haben. Um gegen „die da oben“ ankommen zu können, reicht es hinten und vorne nicht. Aus einer Zwei- ist längst eine Dreiklassengesellschaft geworden. Und nun geht so langsam das Gestrampel los. Ein Anstoß mag kürzlich vom HSV-Nachbarn gekommen sein, der eine Umverteilung der Fernsehgelder anregte. Ein kühner Gedanke, den wohl der frühere DFL-Geschäftsführer und heutige Sportchef vom Millerntor, Andreas Rettig, hegt. Und plötzlich ist Stimmung in der Bundesliga-Bude. Bei Geld hört eben die Freundschaft auf.

Der große Walt Disney hätte wohl seine Freude daran, dass nun auch eine seiner Figuren in die Welt des deutschen Profifußballs Einzug hält. „Rettig spielt das Schweinchen Schlau“, pfiff sofort das Leverkusener Schweinchen „Arro Gant“ in Richtung Millerntor. Ja, wenn es einer Betriebssportgemeinschaft ans Geld gehen soll, kämpft auch ein Rudi Völler mit härteren Bandagen.

In Leverkusen flogen sie vor Jahrzehnten stets nach Brasilien, feierten dort rauschende Feste (so wurde es überliefert) und brachten immer einen Nationalspieler vom Zuckerhut mit zurück. Bezahlt von der Hausbank. In den letzten Jahren fielen die Reisen dann etwas kürzer aus, da ging es nur in den Volkspark. Zum Einkaufen. Son, Tah und Co. Bezahlt von der Hausbank. Wie im Buli-Betriebssport üblich.

Die „Kleinen“ werden mit der Zeit immer kleiner. Als das der HSV vor Jahren erkannte und die finanzielle Freundschaft mit Edel-Fan Klaus-Michael Kühne suchte, gab es zum Beispiel vom Nachbarn aus Bremen heftige Kritik. Was Werder allerdings nicht daran hinderte, selbst auf die Suche nach einer Finanzfreundschaft zu gehen. Bislang allerdings mit mäßigem bis keinem Erfolg. Die Grünen schlittern in die roten Zahlen.

Wie der HSV – trotz der Kühne-Finanz-Freundschaft. In einigen Tagen müssen die HSV-Anhänger ganz tapfer sein, dann werden die Rothosen erneut ein zweistelliges Millionenminus (13 bis 15) verkünden (müssen). Zum Entsetzen vieler Fans. Die fallen bei dieser Art von Botschaft regelmäßig aus allen Wolken. Fassungslos und naiv wird gefragt: „Wieso nun das schon wieder?“

Die Gegenfrage muss aber erlaubt sein: Wie soll, bitte schön, die finanzielle Gesundung des HSV quasi über Nacht gelingen? Seit Jahrzehnten kämpft der „Dino“ sportlich wie wirtschaftlich ums Überleben – immer hart am Existenzminimum. Etliche Experten – oder solche, die sich dafür hielten – haben schon versucht, den Club auf gesunde Füße zu stellen. Sie scheiterten gnadenlos. Es ging nur bergab.

„Ein Abstieg wäre teurer. Deswegen: Schulden machen, um mit neuen Spielern die Bundesliga zu halten.“ So flog es dem HSV in den vergangenen Jahren stets um die Ohren. Wer hat es nicht gesagt – oder gedacht? Weil Kaderkosten und sportlicher Erfolg ja in einem krassen Missverhältnis standen. Zu oft wurden die Trainer vor die Tür gesetzt. Der Nachfolger wollte stets neue Spieler. Und das kostete. Hinzu kamen und kommen immer noch Abschreibungen von früheren Transfers. Der HSV ist und bleibt vorerst ein Konsolidierungsfall. Und nur der kontinuierliche sportliche Erfolg könnte das ändern. Und zwar nur der.

Daran wird gearbeitet, Minus hin, Minus her. Erste kleinere Erfolge (so zuletzt das 3:1 gegen Dortmund) stellen sich ja auch schon ein. Gemach, gemach. Macht der HSV so weiter, ist die neue Führung endlich nicht nur um Kontinuität bemüht, sondern handelt auch danach, werden keine sinnlosen Dreijahresverträge für Trainer mehr gegeben, wird endlich einmal an einem Coach (Bruno Labbadia) festgehalten, so könnte es 2016 endlich einen Schritt in die richtige Richtung geben.

Vorerst aber ist es so, dass die beiden Gegner von morgen, Werder und der HSV, weiterhin nur ehrfürchtig nach oben starren können. „Die da oben“ sind unerreichbar. Jetzt spielt Arm gegen Bettelarm – oder wie es im Fußballsprech heißt: „Not gegen Elend“.

Ob es jemals anders wird?

Die HSV-Kolumne Matz ab erscheint auch täglich unter www.abendblatt.de/matz-ab.