Meinung
Schumachers Woche

Die Lehre des Guido Westerwelle

Mensch, Westerwelle! Wissen Sie noch, als Sie, der forsche Generalsekretär, mit dem forschen Reporter vor 20 Jahren über Kunstmessen streiften, für eine mediale Installation namens Por-trät? Wir beide waren jung und arrogant vor Angst. Zu Recht. Journalisten und Politiker sind laut Helmut Schmidt „Menschen, denen gegenüber größte Vorsicht geboten ist“, vor allem, wenn sie sich verletzlich zeigen oder, schlimmer noch, Anteilnahme bekunden.
Als Scheidungskind und Akne-Teenager mit Realschulempfehlung waren Sie emotional früh emailliert. Partei-, Fraktions-, Oppositionschef, Fast-15-Prozent-Held, Vizekanzler, Außenminister, Putschopfer. Immer galt: Lieber Spott und Hass als gar kein Echo.

Jetzt tragen Sie bemalte Mutperlen von Krebskindern bei sich. Ihr Buch bietet Nettes über die Kanzlerin, Kitschiges aus der Sylter Geisterbahn „Sansibar“, Trauriges aus der Klinik. Viel Gefühl. Sind Sie ein anderer? Aufmerksamkeit mögen sie jedenfalls immer noch. Egal. Mit dem Buch ist die Zahl der Knochenmarkspenden gestiegen. Das zählt. Eines aber fehlt im Rührwerk: Reflexion. Kaum droht es relevant zu werden, fliehen Sie in scheinbare Selbstkritik: „Manchmal zu forsch ... verletzend ... Hang zur vorlauten Klappe.“ Sorry, das wussten wir.

Und sonst, politisch vielleicht? Freiheit, schreiben Sie, verpflichte die Starken, „alles dafür zu unternehmen, dass auch die Schwachen ihren Wunsch nach Freiheit erfüllen können. Man mag es Chancengleichheit nennen. Oder Gerechtigkeit. Ich nenne es die Lehre meines zweiten Lebens.“

Diese Lehre hätte man gern genau gehabt: Wo ist die „spätrömische Dekadenz“ hin, was ist mit den Attacken gegen die gesetzliche Krankenversicherung, gegen den Steuer- und-Vollkasko-Staat, der Behandlungen beschert, die Menschen anderswo ruinieren? Und Pension mit 52.

Nein, keine Neiddebatte. Nur der Hinweis, dass Knochenmarkspender ihren kostbaren Körpersaft in einer ultraliberalen Wettbewerbsgesellschaft versteigern anstatt anonym zu spenden. Immerhin distanzieren Sie sich zart vom Gut-Böse-Gekeife, das auch mal Ihres war.

Nichts gegen Liebe, Tod, Zuversicht – doch auf 236 Seiten hätte ich gern gelesen, ob und wie der Krebs die überforsche Weltsicht von früher ändert. Oder bleibt´s beim Wutgeheul gegen Staat und Steuer? Ihre Lehren werden wertvoll, wenn alle daran teilhaben dürfen.