Meinung
Offen gesagt

Auf der Suche nach Nähe

Die Autorin leitet das Kulturressort des Hamburger Abendblatts

Die Autorin leitet das Kulturressort des Hamburger Abendblatts

Foto: Andreas Laible

Ein Kommentar von Maike Schiller

Wenn etwas so Unfassbares passiert wie in Paris, starrt man an anderen Orten vor allem auf Bildschirme. Auf Fernseher, auf Smartphones. Auf der Suche nach Informationen, natürlich. Aber auch, vielleicht unbewusster, auf der Suche nach Emotionen, nach einer irgendwie gearteten Aufgehobenheit, nach Nähe zu anderen, die auch nicht mehr schlafen können, nach einem Moment, in dem sich die Dinge, die einen immer wieder so unglaublich hilflos zurücklassen, als irgendwie erklärbar herausstellen.

Man weiß, dieser Moment wird nicht kommen, und es wird nicht einfach wieder gut, erstmal nicht. Aber man sucht trotzdem.

Zunächst in den vertrauten Gesichtern von Reportern wie Matthias Opdenhövel oder Kommentatoren wie Mehmet Scholl, die gewissermaßen die eigene Unruhe, auch die Ratlosigkeit spiegeln. Man schaut schließlich in die Gesichter der Journalisten vor Ort, die angespannt, aber konzentriert beginnen, Augenzeugen zu befragen, einzuordnen, zu sammeln, manchmal noch sich selbst. Und man schaut unweigerlich in Abgründe.

Da ist zuallererst die unerträgliche Kaltschnäuzigkeit der Attentäter, da ist die eigene Angst. Und da ist, im brackigen Fahrwasser dieser Katastrophe, die Fratze jener, denen offensichtlich jegliche Empathie abgeht. Anders ist kaum zu erklären, weshalb sie, wie zum Beispiel der (Noch-) „Welt“-Autor Matthias Matussek, nach den letzten Anschlägen ein Smiley posten, ein lachendes Gesicht!, und frohlocken, die Flüchtlingsdebatte bekäme nun „eine ganz neue frische Richtung“. Dass sie sich nicht schämen.

Wir gestehen uns Unsicherheit zu. Zweifel. Manchmal Orientierungslosigkeit, manchmal Mutlosigkeit. Entsetzen, Erschütterung, auch Sorge. Aber die Stärke unserer Werte, unsere Verbundenheit, unser Mitgefühl lassen wir uns nicht nehmen. Dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Das ist Menschlichkeit.