Meinung
Hamburger Kritiken

Die deutsche Kirchentags-Gesellschaft

Ganz viel Moral und gute Laune, aber verdammt wenig Realitätssinn. Hauptsache, der Netzgemeinde gefällt es.

Ich bin früher immer gerne hingefahren, wenn die Protestanten sich alle zwei Jahre zum Kirchentag versammelten. Für die Einheimischen war es mitunter etwas anstrengend, wenn die U-Bahnen überquollen und allüberall „Halleluja“ angestimmt wurde. Aber schön war’s – auch jene, die mit Gott nichts am Hut hatten, fuhren angesichts der günstigen All-inclusive-Städtetour gern mit. Wir diskutierten viel, aber wurden uns schnell einig. Mit lila Tuch um den Hals und Glaubensgeschwistern an der Hand zerstoben alle Zweifel. Wir jubelten den Rechtgläubigen zu und pfiffen die Häretiker nieder. Selten war man so sicher, auf der richtigen, guten Seite zu stehen. Hans Apel wollte den Nato-Doppelbeschluss beim Hamburger Kirchentag 1981 verteidigen und wurde mit Tomaten beworfen. Das mag den Minister in der Haltung bestätigt haben, die evangelische Kirche sei nur noch ein „Abklatsch des Zeitgeistes im religiösen Raum“.

Das wird der evangelischen Kirche nicht gerecht – aber andersherum wird ein Schuh daraus. Heute wirkt die öffentliche Debatte mitunter wie ein Abklatsch der Kirchentags im politischen Raum. In einer Zeit, in der das Christentum erodiert, wird Moral zur höchsten Kategorie im politischen Handeln und im öffentlichen Diskurs – leider mit einem pharisäerhaften Einschlag. Hohe Priester wachen über die Political Correctness, Shitstorms toben, Moralapostel klagen an. Es gewinnt das Rigorose, das Rechthaberische, das Unversöhnliche – gerade im Internet in der „Netzgemeinde“. Für Zweifel ist längst kein Platz mehr.

Seltsam mutet an, wie sich derzeit in der öffentlichen Debatte viele auf das Sommermärchen stürzen. Nun ist herausgekommen, dass bei der Vergabe der Fußball-WM nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Das ist strafrechtlich relevant und journalistisch brisant – aber dürfen wir wirklich überrascht sein angesichts eines korrupten Altherrenhaufens namens Fifa, der die Spiele ohnehin lieber nach Katar oder Russland vergibt, weil da keiner unangenehme Fragen stellt? Wer sich nun moralisch empört, glaubt wohl wirklich noch an Märchen. Indes: 2006 war für Deutschland wie für den Fußball ein Glücksfall – die WM hat das Land besser gemacht. Es soll Menschen geben, die halten die Bestechungsmillionen gar für gut investiert. Bei aller verständlichen Enttäuschung, Empörung und Skandalisierung darf man das auch den Sündern Beckenbauer und Niersbach zugute halten. Sie bewegten sich in einem Umfeld, das etwas anders funktioniert, als wir gern hätten, in dem die Grenzen von Gefallen und Bestechung fließen. Die Welt ist nicht nur schwarz-weiß, sondern hat viele Schattierungen.

Aber Zwischentöne gehen im anschwellenden Empörungsgesang unter. Es scheint, als wollten sich jene, die sich per Twitter oder Facebook am lautesten empören, vor allem selbst moralisch erhöhen. Zwar bleibt das Falsche falsch, aber Verständnis und Milde gehören auch zum Leben. VW ist derzeit ein weiterer böse Bube, der medial im Shitstorm steht. Ohne den Betrug schönreden zu wollen, liegt er vielleicht auch im System VW begründet. In keinem Konzern haben Arbeitnehmer und Staat einen so großen Einfluss. Waren die Abgasfälschungen am Ende der einfachere Weg als Kostensenkung? Das darf man ja mal diskutieren. Stattdessen versteigen sich auch kluge Kommentatoren auf immer wirrere Thesen und alttestamentarische Strafen wie „Lasst VW pleite gehen“. Dann hat die Moral gewonnen; aber Hunderttausende hätten Job, Haus, Zukunft verloren.

Eine Debatte, die jeden Realitätssinn verloren hat, erlebt das Land in der Flüchtlingskrise. Moralisch mag das Öffnen der Grenzen ja sein, aber dann muss man auch weiterdenken: Ist es noch moralisch, dass Flüchtlinge aus einem Zelt in Jordanien in ein Zelt in der Schnackenburgallee ziehen? Ist das „Wir schaffen das“ ein großzügiges Versprechen oder eher eine Einladung in die Enttäuschung? Und ist es moralisch, jeden Kritiker zum „verbalen Brandstifter“ zu erklären?

Viele Fragen sind nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten, viele Meinungen nicht nach rechts oder links, gut oder böse zu unterscheiden. Moral ist eine wichtige Kategorie, Realitätssinn aber auch. Schon früher war ich glücklich, nach Kirchentagen zurück in die Wirklichkeit zu kommen.