Meinung
Leitartikel

Wolfgang Schäuble: Der Unbequeme

Jörg Quoos ist Chef der Zentralredaktion

Jörg Quoos ist Chef der Zentralredaktion

Foto: Funke Medien Gruppe / BM

Was treibt Wolfgang Schäuble in den vergangenen Wochen wirklich um? Warum spricht er in der Flüchtlingskrise immer öfter aus, was viele in der Union schon lange denken? Warum riskiert er die große Auseinandersetzung mit der Kanzlerin, die immer noch am „Wir schaffen das“ festhält? „Schäuble will putschen“ ist bei etlichen Beobachtern die steile These. Das bringt vielleicht Talkshow-Auftritte, aber wenig echten Erkenntnisgewinn. Diese Unterstellung wird Schäuble nicht gerecht, und um den ewigen Bundesfinanzminister zu verstehen, muss man seinen Lebensweg analysieren und die wenigen Gedanken sezieren, die er gelegentlich öffentlich zu Machtfragen formuliert.

„Man kann nicht regieren, wenn man über alles Konsenssoße gießt“, ist so ein Schäuble-Satz. Wolfgang Schäuble hat in der Politik schon alles erlebt – vom größten Triumph bis zur bittersten Niederlage. Nach dem Drama um die illegalen CDU-Millionen war der Weg für den Kronprinzen Schäuble ins Kanzleramt versperrt. Als Bundespräsident, im höchsten Amt des Staates, wollte ihn die Kanzlerin gleich zweimal nicht haben.

Auch die Schüsse eines irren Attentäters, die ihn seit 25 Jahren in den Rollstuhl zwingen, konnten seinen Willen nicht brechen. Die Tragödie und die Spendenaffäre hat Schäuble härter gemacht – mit sich selbst, aber auch mit den Parteifreunden.

Schäuble verbiegt sich mit seinen 73 Lebensjahren nicht mehr in der Politik. Und er spricht aus, was er denkt. Konsenssoße ist für ihn das, was Merkel und Altmaier zum Thema Flüchtlinge zur Zeit von sich geben. Die Worte überraschen dann viele, weil die klare Aussprache eine Tugend ist, die nur wenige pflegen. Angela Merkel kennt Wolfgang Schäuble gut und weiß, dass ihr Vorgänger im Amt des CDU-Vorsitzenden vielleicht der einzige wirklich freie Geist in ihrer Regierung ist.

„Die dümmsten Ratten sind die, die das Schiff verlassen, das gar nicht sinkt“ ist auch ein solcher Schäuble-Satz aus der Vergangenheit. Er hat bis heute Gültigkeit. Was sollte ein Putsch gegen Angela Merkel der Partei eigentlich bringen? Die erfahrene Kanzlerin ist die Überlebensgarantie der Partei für Wahlen und damit Mandate. Ihre Zustimmungsrate in der Bevölkerung ist – außer beim Thema Flüchtlinge – außerordentlich hoch.

Von einem Putsch in der Union würde niemand profitieren und die Christdemokraten wären am Ende ihrer Machtperspektiven beraubt. Und es gibt noch die rechnerische rot-rot-grüne Perspektive und die Gefahr für die CDU, dass ein bürgerlich-konservatives Milieu für lange Zeit auf Bundesebene ohne Mehrheit bleibt. Das weiß auch Wolfgang Schäuble. In ihm ist kein zerstörerisches Potenzial, die CDU ist schließlich sein Lebenswerk.

Nein, der Finanzminister plant keinen Putsch gegen Merkel. Aber er riskiert zunehmend ihre Beschädigung, weil er niemandem in der Politik zu Dank verpflichtet ist. Das ist ein gravierender Unterschied in der Betrachtung von außen. Für die Kanzlerin aber ist es – so oder so – gefährlich.