Meinung
Matz ab

Lasst es mal den Bruno machen

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Dieter Matz, HSV-Experte und Blog-Vater ("Matz ab"), mit seiner Freitags-Analyse

Foto: Andreas Laible / HA

Ein offenes Wort an die Nörgler vom HSV. Wer jetzt wieder den Trainer infrage stellt, hat aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt

Geduld scheint nicht gerade eine hanseatische Tugend zu sein. Jedenfalls nicht dann, wenn es um Fußball geht. Speziell um den HSV. Der rangiert zurzeit zwar in der Bundesliga auf Platz elf und kann nach zwölf Spieltagen 15 Punkte vorweisen, aber das ist einigen Anhängern nicht gut genug. Sie haben höhere Ansprüche, vergessen dabei aber, wie tief ihr Club zuletzt gefallen war. Das Nörgeln ist eine lange HSV-Tradition. Und es wird jetzt schon wieder eifrig genörgelt. Mit vielem. Oftmals mit dem Trainer. Wie immer.

Eine Länderspielpause wie diese aber könnte eventuell dazu genutzt werden, sich in Geduld zu üben: Die eigenen Ansprüche noch einmal kurz zu überdenken, Milde walten zu lassen.

Denn eines ist doch schnell an einer Hand zu errechnen: So schlecht, wie der HSV von einigen seiner Fans schon wieder gemacht wird, ist er nicht. Das ist anhand von drei Spielen leicht erklärt. In Köln verlor der HSV 1:2, aber alle waren sich später sicher: „Da hätte gewonnen werden müssen.“ Nicht zuletzt der Aytekin-Elfmeter hat es verhindert. Dann waren sich alle einig: „Gegen Hannover 96 hätte niemals 1:2 verloren werden dürfen, der HSV hätte doch schon 4:0 führen müssen.“ Stimmt. Und zuletzt gab es nur ein 1:1 in Darmstadt, weil der HSV nach dem Seitenwechsel sanft entschlafen war. Der HSV hätte leicht acht Punkte mehr haben können – und wäre als Tabellendritter der erste Verfolger von Borussia Dortmund. Von den Bayern wollen wir da ja gar nicht mehr reden ... Das mag wie eine Milchmädchenrechnung erscheinen, aber wird nicht oft im Fußball genau so gerechnet?

Und die Frage, die sich aus dieser Rechnung ergibt, ist die: „Was kann Labbadia für diese Nicht-Siege?“ Nichts. Er hatte seine Mannschaft bestens eingestellt, es lief (nicht nur in diesen genannten drei Spielen) fast schon so, als hätte der „neue HSV“ nichts mehr mit dem Abstieg zu tun.

Trotz allem wird schon wieder der Trainer kritisiert. Er halte zu lange an den falschen Spielern fest, er habe mit Ivo Ilicevic und Pierre-Michel Lasogga seine Lieblinge in der Mannschaft (die es nicht bringen), der Coach gebe Zoltan Stieber keine Chance, Labbadias Handschrift sei auf dem Rasen nicht erkennbar, es gebe keine Struktur in der Truppe, und er könne eines auf keinen Fall: richtig und zeitig auswechseln.

Vorwürfe, die wohl der fehlenden Geduld geschuldet sind. Fest steht doch: Bruno Labbadia setzt sich in seinem zweiten Hamburger Engagement rund um die Uhr zu 100 Prozent für den HSV ein. Er ist stocksauer, wenn Spiele gegen Köln, Hannover und Darmstadt nicht gewonnen werden – und er zeigt es auch. Nach der Darmstadt-Partie stand er knurrend, schmollend und verärgert beim ersten Training auf dem Platz. Weil er immer noch mit den Unzulänglichkeiten seiner Spieler haderte. Das ist nur allzu menschlich. Ihn zeichnet aber nicht nur die labba­dische Akribie aus, sondern noch eine wichtige – und gute – Eigenschaft: Er schenkt seinen Spielern Vertrauen. Kontinuität ist sein Zauberwort. Einmal versagt, dann ab auf die Ersatzbank – oder gar auf die Tribüne? Das war einmal. Bruno Labbadia hält an seinen Leuten fest, vertraut ihnen. Und das nicht etwa deshalb, weil er seine „Lieblinge“ hat, sondern aus einem ganz einfachen Grund. Er will gewinnen. Deshalb stellt er so auf, wie er es nach den Trainingseindrücken verantworten kann. Er wäre schließlich schlecht beraten, wenn es ihm nicht allein darum ginge.

Daran sollten auch die ewigen Nörgler einmal denken. Trainer raus, Spieler raus – das ist unrühmliche HSV-Vergangenheit. Und genau das hat auch für eine jahrelange Verunsicherung innerhalb des Teams gesorgt. Jetzt genießen die HSV-Profis das Vertrauen ihres Vorturners, und das ist nicht nur ein anderer Weg, sondern auch längst überfällig gewesen.

Lasst es mal den Bruno machen. Wohin die vielen, vielen Trainerwechsel den HSV gebracht haben, kann man bestens an den letzten beiden Relegations-Jahren ausmachen. Kontinuität ist ebenso wichtig wie Geduld der Fans. Und Vertrauen. All das ist erlernbar. Selbst im „hohen“ Alter noch.

Die HSV-Kolumne Matz ab erscheint täglich auch
im Internet unter www.abendblatt.de/Matz-ab